Informatik als Basis fürs Verständnis der Welt

13. März 2013, 12:26
  • politik & wirtschaft
image

Die Veranstaltung "Wie viel Informatik braucht der Mensch?" der Hasler Stiftung geriet zum flammenden Plädoyer für ein obligatorisches Fach Informatik an Schweizer Gymnasien.

Die Veranstaltung "Wie viel Informatik braucht der Mensch?" der Hasler Stiftung geriet zum flammenden Plädoyer für ein obligatorisches Fach Informatik an Schweizer Gymnasien.
"Wie können wir verantworten, dass unseren Kindern ein zentrales Bildungsgut vorenthalten wird?" Diese Frage stellte Jürg Kohlas, emeritierter Professor für theoretische Informatik und Ko-Herausgeber des frisch erschienenen Buchs "informatik@gymnasium" (NZZ Libro) an den Beginn seiner Buchpräsentation. Beim vorenthaltenen Bildungsgut handelt es sich natürlich um die Informatik: Nachdem ein entsprechendes Fach Anfang der 90er Jahre aus dem Gymi-Lehrplan gekippt wurde, kommen die Schweizer Gymnasiasten seither nicht in den Genuss einer fundierten, obligatorischen Informatikausbildung. Vergleichbares gilt für die Primarschule und die nichtgymnasiale Sekundarstufe. Und dies, obwohl heute fast nichts mehr ohne Informatik funktioniert.
Wie viel Informatik braucht der Mensch?
Das Buch, für das mit Carl August Zehnder und Jürg Schmid zwei weitere Doyens der Schweizer Informatikszene als Mitherausgeber amteten, richtet sich vornehmlich an Bildungsfachleute und Bildungspolitiker. Aus diesen Kreisen stammte auch das 160 Köpfe starke Publikum der Veranstaltung "Wie viel Informatik braucht der Mensch?", in deren Rahmen die Buchpräsentation stattfand. Veranstalterin war die Hasler Stiftung, die mit dem Förderprogramm "Fit in Informatik" die Einführung und Verankerung der informatischen Bildung in der Schule zwischen 2006 und 2014 mit insgesamt 21 Millionen Franken unterstützt.
Alle Referenten waren sich einig: Es braucht Informatikunterricht in der Schule. Und zwar nicht nur als Training in Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Google-Recherchen – solches lasse sich bereits in der Primarschule gut in andere Fächer integrieren. Und auch nicht bloss als "Medienkompetenz", die allerdings ebenfalls in höchstem Mass nötig sei. Sondern vor allem auch auf Gymnasialstufe in Form einer fundierten Einführung in die Grundlagen und Methoden der Informationsverarbeitung inklusive Programmieren. Denn nur so werde die Jugend zur "Generation Zukunft" und erhalte die Fähigkeit, in einer Welt mit immer komplexeren Problemen zu bestehen, die man ohne Informatik überhaupt nicht mehr in den Griff bekomme.
Informatik ist mehr als Informatik
Oder, wie es Philosoph Ludwig Hasler in einem äusserst humor- und nicht minder gehaltvollen Plädoyer unter dem Motto "Mehr Düsentrieb" formulierte: "Informatik gehört im 21. Jahrhundert zur Alphabetisierung". Informatik, so Hasler, drückt eine Haltung aus, die weit über das Technische hinausgeht und befähigt den Menschen, produktiv mit Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten umzugehen und Probleme nicht bloss zu besprechen (Sprach- und Geisteswissenschaften) und zu analysieren (Mathematik), sondern zu lösen: Fundiertes Informatikwissen, das Wissen um die Textur der modernen Welt, sei also durchaus im allgemeinen Interesse der Gesellschaft. Und auch der Demokratie: Das Verständnis dessen, was uns steuert, gehöre zur demokratischen Mündigkeit.
Das Ziel eines gymnasialen Unterrichtsfachs Informatik ist demnach nicht einfach, mehr Informatiker heranzuziehen, auch wenn es Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch gerne so hätte. Er wies in der abschliessenden Podiumsdiskussion unter anderem auf den vielzitierten Fachkräftemangel und das "Frauenproblem" hin. Vielmehr geht es darum, die Jugend ganz allgemein mit Lösungskompetenz auszustatten. Dies kommt ihr bei allen wissenschaftlichen Aktivitäten zugute, wie Matthias Kaiserswerth, Leiter des Rüschliker IBM-Forschungslabors aus dem Publikum anmerkte: "Moderne Hirnforschung zum Beispiel ist ohne Computer undenkbar. In Zukunft wird Informatik aber auch in den Geisteswissenschaften immer mehr Einzug halten." (Urs Binder)

Loading

Mehr zum Thema

image

Digitaler Euro könnte 2026 kommen

Kommendes Jahr will die Europäische Zentralbank (EZB) über den digitalen Euro entscheiden. Zu reden gibt die Partnerschaft mit Amazon.

publiziert am 29.9.2022
image

Jetzt sind auch in St. Gallen die letzten Gemeinden im Online-Kataster vertreten

Die Schweizer Erfolgsgeschichte mit der Einführung eines Online-Portals umfasst nun auch die gesamte Fläche des Ostschweizer Kantons. Warum es dort länger gedauert hat, erklärte uns der Kantonsgeometer.

publiziert am 29.9.2022
image

Regierung will Millionen für Digitale Transformation von Basel-Land ausgeben

Für die digitale Verwaltung und den Aufbau eines Governance-Modells sollen 21 Millionen aufgewendet werden. Es gebe dazu keine Alternative, so der Regierungsrat.

publiziert am 29.9.2022
image

Stadt und Kanton Zug beschliessen gemeinsame Datenstrategie

Mit dem Open-Government-Data-Ansatz sollen in Zug künftig offene Verwaltungsdaten ohne Einschränkung zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt werden.

publiziert am 29.9.2022