Informatik, Politik und das Bemühen um Relevanz

8. Januar 2008, 15:15
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Wann bekommt die Schweizer ICT-Industrie soviel Gewicht wie der Cafétier-Verband?

Wann bekommt die Schweizer ICT-Industrie soviel Gewicht wie der Cafétier-Verband?
"Überall dabei zu sein und doch nichts zu tun, ist in der Schweizer Informatik die Kür." Der dies gestern Abend an einem Medienanlass des Dachverbands ICTSwitzerland an der Uni Zürich sagte, muss es wissen. Es war Stefan Arn, seines Zeichens seit fast zwei Jahren Präsident eben diesen Verbands der Verbände der Schweizer ICT-Industrie. Noch hat die Schweizer Informatik-Wirtschaft, die gemäss Schätzungen von Professor Carl August Zehnder mindestens 120'000 SpezialistInnen in der Schweiz beschäftigt, in den Augen von Arn nicht den Einfluss, den der gut organisierte Verband der Café-Betreiber geniesst.
Gestern nun zogen Stefan Arn, Professor Carl August Zehnder, André Golliez (Schweizer Informatik Gesellschaft, SI, und Projektleiter des Jahrs der Informatik, informatica08), der Profi-Politiker Fulvio Caccia (asut und Beirat informatica08), Markus Fischer (SwissICT) und Professor Adi Bernstein von der Uni Zürich Bilanz des Wirkens von ICTSwitzerland im vergangen Jahr.
Endlich Konsolidierung unter den Verbänden
Es lassen sich zwei Schwerpunkte feststellen. Erstens treiben Arn und André Golliez von der SI die dringend nötige Konsolidierung der (zu) vielen kleinen und kleinsten Informatikverbände voran. Die Arbeiten für die Fusion von Informatik Gesellschaft und SwissICT, die bis Ende Jahr über die Bühne gehen soll, laufen. Das Fusionsprodukt SwissICT wird sich mehr als Verband der InformatikerInnen denn als Unternehmensverband verstehen. Eine der Kernaufgaben werde es sein, unter den IT-Professionals neue Mitglieder zu werben, sagte Golliez. Heute haben SI und SwissICT zusammen nur etwa 4000 Einzelmitglieder. Eine "Gewerkschaft" wolle man zwar nicht sein, so Golliez, doch der Verband werde Informatik-Profis ihr Berufsleben lang begleiten.
ICTSwitzerland bemüht sich zudem, Licht in den Schweizer IT-Verbandsdschungel zu bringen und herauszufinden, wer was tut. Er stelle fest, dass sich viele mit dem Thema "E-Health" beschäftigen, so Arn, dass andere Themen aber völlig brach lägen.
Informatica08 gewinnt an Fahrt
Über den zweiten Schwerpunkt der Tätigkeit von ICTSwitzerland, der dringend nötigen Förderung des Nachwuchses von IT-Fachleuten haben wir an dieser Stelle schon mehrfach berichtet. Nach der erstaunlich guten Reaktion der Medien auf die Startpressekonferenz im vergangenen November scheint die Sache nun Fahrt aufzunehmen. Für die regionale PR-Kampagne mit Veranstaltungen in Luzern, Bern und St. Gallen konnten Sponsoren gewonnen werden, weitere werden folgen. Die Ausschreibung für den "Swiss Computer Science Challenges Award" steht kurz bevor, die Themen der Veranstaltungen zu den Risiken der Informationstechnologie sind ausgewählt und die erste Veranstaltung steht und man kennt das Datum der Roboterfussball-Europameisterschaft (15.6.08). Auch die möglicherweise wichtigste Kampagne innerhalb von Informatica08, die "Roadshow" zur Förderung der Lehrkräfte im neuen Ergänzungsfach Informatik an den Gymnasien, kommt ins Rollen. Am 9. April soll ein Lehrmittel vorgestellt werden und der Start der "Roadshow" in Fribourg erfolgen.
Ausser Google und neuerdings auch IBM steht übrigens die "IT-Industrie", also die grossen, sonst um PR nie verlegenen US-Companies, weiterhin vornehm abseits, wenn es ums Sponsoring der für den Denkplatz Schweiz wichtigen Initiative geht. Die neueste Entschuldigung lautet, man habe Sponsoring-Gelder bereits für die Euro08 verplant. Arns Kommentar. "Die Euro08 muss mindestens 30 Sponsoren aus der IT-Branche haben..."
Böse Telekommunikation, liebe Informatik
Einen interessanten Überblick über die Vorstösse im National- und Ständerat zu ICT-Themen gab gestern Fulvio Caccia. Auffallend, dass der Grundtenor bei Vorstössen zu Telekommunikation eher zu Einschränkungen (Antennen, x-fach Kinderschutz, Bildschirm-Sucht), während im IT-Bereich weit öfteres eine Ausweitung des Einsatzes von Informatik (beim Bund, im Gesundheitswesen, "digitale Identität") gefordert wird.
Vielleicht sollten Telekommunikationsunternehmen die Bedenken und Beschwerden der Bevölkerung wegen der Strahlenbelastung halt doch ernster nehmen... (Christoph Hugenschmidt)

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