Informatikunterricht in der Schweiz beginnt viel zu spät

31. August 2010, 12:19
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Gastbeitrag von Herbert Bruderer vom Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht der ETH Zürich, das die Schweizer Informatik-Olympioniken betreut.

Gastbeitrag von Herbert Bruderer vom Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht der ETH Zürich, das die Schweizer Informatik-Olympioniken betreut.
Die 22. internationale Informatikolympiade (IOI) hat vom 14. bis 21. August 2010 im kanadischen Waterloo (Ontario) stattgefunden. Daran haben 300 Schülerinnen und Schüler aus rund 80 Ländern teilgenommen. In den Jahren 2007 bis 2010 haben begabte Jugendliche aus unserem Land an der IOI insgesamt drei Silber- und drei Bronzemedaillen gewonnen. Eine Goldmedaille hat die Schweiz bisher allerdings noch nicht erhalten. Der in der Grafik ersichtliche Medaillenspiegel gibt eine Übersicht über die bisherigen Ergebnisse.
Es gibt mehrere schweizerische Wissenschaftsolympiaden: Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik, ferner Philosophie. An der Schweizer Informatikolympiade (SOI) werden in mehreren Runden die besten Schülerinnen und Schüler auserkoren, die unser Land an den internationalen Anlässen vertreten. Jeder Staat kann vier Teilnehmende entsenden. Bei diesen Wettspielen für Jugendliche unter 20 Jahren geht es um Informatikgrundlagen (Programmierung) und nicht um Informatikanwendungen (Rechnerhandhabung). Im Mittelpunkt stehen das algorithmische Denken und die Problemanalyse. Die Lösungen werden in den Sprachen C, C++ und Pascal programmiert.
Duales Bildungssystem mit Berufsschulen erfolgreich
Während die Schweizer Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bei der IOI jeweils eher schlecht abschneiden von einer "weiteren Höchstauszeichnung des schweizerischen Berufsbildungssystems". Die drei Schweizer Informatiker, die ihr Land an den Berufsweltmeisterschaften in Calgary vom 1. bis 6. September 2009 vertreten haben, waren äusserst erfolgreich: Weltmeister im Webdesign, Bronzemedaille in der Netzwerktechnik und ein fünfter Rang im IT/Software-Applications war ihre Bilanz.
Hohes Potenzial in der Schweizer Jugend
Laut Professor Juraj Hromkovic vom Ausbildungs- und Beratungszentrum für Informatikunterricht der ETH Zürich zeigen diese erfreulichen Ergebnisse, dass in der jungen Generation der Schweiz ein hohes Potenzial steckt und dass unser Bildungssystem sie dank guter Bedingungen stark unterstützt. "Ich kann nicht nachvollziehen, warum man den seit 15 Jahren bestehenden groben Fehler (Abschaffung des Pflichtfachs Informatik durch die Maturareform von 1995) in der Informatikausbildung an schweizerischen Maturitätsschulen nicht zu korrigieren wagt."
Im Unterschied zu den Berufsweltmeisterschaften schneidet die Schweiz an der IOI deutlich schlechter ab. Juraj Hromkovic dazu: "Die Olympiade selbst darf zwar nicht das Ziel sein. Sie gibt uns aber Hinweise, die wir nicht übersehen dürfen. Die Schweizer Maturitätsschulen sind im internationalen Vergleich in der Informatik eher auf der Ebene von Entwicklungsländern. Immer mehr Länder beginnen den Programmierunterricht schon im Primarschulalter. Einige Länder haben schon mehrere Jahre nationale Wettbewerbe ab den fünften Klassen. Dabei darf die Rechnerhandhabung (Schulung in der Programmanwendung) nicht, wie das leider allzu oft geschieht, mit Informatik (d.h. Informatikgrundlagen) verwechselt werden. Unsere Schülerinnen und Schüler kommen erst sehr spät mit Informatik in Berührung (das noch junge gymnasiale Ergänzungsfach Informatik wird im letzten oder in den beiden letzten Jahren vor der Matura erteilt), so dass auch ein intensives Training nicht mehr reicht, um an der internationalen Informatikolympiade unter die ersten 150 Ränge zu kommen."
Wie kann die Schweiz aufholen?
Die für uns unbefriedigende Rangfolge kommt nicht überraschend, denn in der Informatikausbildung hat die Schweiz einen erheblichen Rückstand. Obwohl die Informatik eine Leitwissenschaft ist, gibt es an unserer Volksschule (Primarstufe und Sekundarstufe 1) kein selbstständiges Fach dafür. Auch im Lehrplan 21 und im Plan d'études romand wird Informatik nicht erwähnt. Selbst an den Gymnasien fehlt ein entsprechendes Pflichtfach. Die allgegenwärtige Informatik sollte in der Volksschule und auf Sekundarstufe 2 Teil der Allgemeinbildung werden, vorzugsweise als (eigenständiges) Pflichtfach. Insbesondere sollte an den Gymnasien ein Grundlagenfach Informatik eingeführt werden. Im Fach Informatik kommt dabei dem Programmierunterricht eine ausschlaggebende Bedeutung zu.
Voraussetzung ist zudem, dass die pädagogischen Hochschulen die angehenden Lehrkräfte gründlich in Informatik ausbilden. Nur so lässt sich der Informatikunterricht an unseren Schulen nachhaltig verbessern. (Herbert Bruderer)

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