Inländervorrang in der Informatik?

9. September 2016, 13:01
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Aus Zürich kommt ein Vorschlag zur Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative. Was die ICT-Branche davon hält.

Aus dem Kanton Zürich kommt ein Vorschlag, wie die Masseneinwanderungs-Initiative mit einem Inländervorrang umgesetzt werden soll. Was hält die ICT-Branche davon?
"Inländervorrang" ist ein Kernthema der anstehenden Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI). Wie die Bevorzugung genau definiert wird, ist für die IT-Branche von grossem Interesse.
Seit gestern steht ein neuer Vorschlag zur Debatte, den das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich (AWA) und der Schweizerische Arbeitgeberverband erarbeitet haben. Sie schlagen ein Berufsgruppenmodell vor.
Das "Zürcher Modell" steht auf zwei Säulen: erstens ein neu entwickelter Indikator, der die Intensität des Fachkräftemangels in 97 Berufen statistisch belegbar messen will. Und zweitens ein so genannt "sanfter" Inländervorrang in Mangelberufen.
Der Vorschlag von AWA und Arbeitgebern zeigt zudem konkret auf, in welchen Berufen im Kanton Zürich ein Mangel an Fachkräften besteht. Und das dürfte Zürcher ICT-Arbeitgeber freuen: Mit einem Wert von 1.82 rangieren "Softwareentwickler und -analytiker" auf dem vierten Platz der 15 Berufe mit dem höchsten Fachkräftemangel.
"Positiv überrascht" zeigt sich Jean-Marc Hensch vom ICT-Anbieterverband SWICO. Er sieht das Zürcher Modell als "sehr tauglichen Vorschlag", da er keine Branchen definiere, sondern Berufsfelder. "Zwei Drittel der Informatik-Spezialisten arbeiten ja gerade nicht bei den ICT-Anbietern, sondern bei den ICT-Anwenderfirmen, welche sich auf eine Vielzahl von Branchen aufteilen."
Auch der regionale Ansatz freut den Verbandsmann, schliesslich konzentrieren sich die meisten ICT-Arbeitsplätze rund um Städte wie Zürich oder Bern.
Was sind "Softwareentwickler und -analytiker"?
Eine mögliche Schwäche des Berufsmodells steckt in der Definition von "Softwareentwickler und -analytiker": Was ist mit Projektleitern? Security Managern? 42 Berufsbilder unterscheidet beispielsweise der Fachverband SwissICT, ausgeschrieben sind viele weitere und unterschiedlich übertitelte Jobs. Auch Hensch sieht hier Definitionsbedarf. "Das Berufsfeld 'Softwareentwickler und -analytiker' ist natürlich nicht genügend granular."
Er fordert zudem, dass der Wertschöpfungsaspekt im Zürcher Modell berücksichtigt werde, schliesslich sei nicht jedes Berufsfeld gleichermassen bedeutend in volkswirtschaftlicher Hinsicht.
Was bringt's Informatikern "45plus"?
Der zweite mögliche Kritikpunkt betrifft die Informatiker "45plus" und deren Berufsperspektiven. In einer gemeinsamen Studie stellten das AWA und der Dachverband ICTswitzerland fest: "Die Zahl arbeitsloser Informatiker im Kanton Zürich hat sich zwischen 2008 und 2014 verdoppelt. Zudem steigt atypischerweise das Arbeitslosigkeitsrisiko von Informatikern mit zunehmendem Alter."
Zur Steuerung der Zuwanderung soll nun unter anderem festgelegt werden, dass Firmen zuerst arbeitslose Bewerber zu prüfen haben.
Das Zürcher Modell zur Meldepflicht schlägt konkret vor, dass für die Nichtberücksichtigung eines Arbeitslosen eine "Kurzbegründung" genüge. Im 'Tages-Anzeiger' zeigte sich Heidi Joos vom Lobby-Verein "50plus outIn work" entsprechend skeptisch: "Die geforderte Rückmeldung wird sich im hinlänglich bekannten Satz erschöpfen, dass es dem Unternehmen leid tue, man habe eine andere Person gefunden, die das Profil besser abdecke."
Gar nicht lösen kann das Instrumentarium von AWA und Arbeitgebern das grundsätzliche Problem der Umsetzung der MEI. Nächste Woche starten im nationalen Parlament die Beratungen darüber. (mag)

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