Israel, ein Startup-Mekka

11. Februar 2014, 12:50
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Ein kleiner Staat im Nahen Osten hat sich zum Startup-Land gemausert, das mit dem Silicon Valley konkurrenzieren kann. Ein Besuch in Tel Aviv.

Ein kleiner Staat im Nahen Osten hat sich zum Startup-Land gemausert, das mit dem Silicon Valley konkurrenzieren kann. Ein Besuch in Tel Aviv.
Silicon Wadi ist eine typische mediterrane Stadt. Die Luft riecht nach Meer, die Sonne scheint im Durchschnitt 301 Tage im Jahr. Viele junge, gut gekleidete Menschen laufen durch die Strassen oder sitzen in Kaffeehäusern. Auf der Strasse reihen sich grosse glänzende Autos vor den Lichtsignalen, Velofahrer schlängeln sich um Passanten und ein Laden folgt dem anderen.
Der weltweit beste Ort, um ein Startup zu lancieren, ist das Silicon Valley in Kalifornien. Das Zuhause von Google, Facebook und Co. Doch gleich danach folgt Silicon Wadi, vielleicht besser bekannt unter dem Namen Tel Aviv. 2013 zählte die israelische Grossstadt mehr als 700 Startups und "Research and Development Centers". Tel Aviv rangiert damit auf dem zweiten Platz der innovativsten Städte der Welt. Darauf ist das Land auch stolz: Bereits im Flugzeug nach Tel Aviv werden Reisende von der israelischen Bank BHI darauf hingewiesen, dass es in Israel sehr viele Startups gibt und sich eine Investition lohnen würde. Es heisst, dass jede zweite Person in der 414'600 Einwohner zählenden Stadt mit einem Startup verbunden ist.
Voraussetzungen
Aber warum werden gerade in Israel so viele Unternehmen gegründet? Laut Nicolas Berg, Startup-Kenner und Venture Capitalist, braucht es vier Dinge für eine optimale Startup-Umgebung: Top-Hochschulen für In- und Ausländer, risikofreudige Menschen, Vorbilder und Risikokapital.
Voraussetzungen, die im kleinen Land im Nahen Osten geradezu perfekt gegeben sind. Mit der Tel Aviv University (TAU) liegt die grösste israelische Uni in der Startup-Stadt. Laut den World University Rankings 2013 liegt die TAU weltweit auf dem 57. Platz. Diese hat einen eigenen Technologie-Bereich namens Ramot, der eng mit der Industrie kooperiert. Unter den weltweit besten 200 Universitäten liegen drei israelische.
Als risikofreudig gelten vor allem Menschen, die ihre Heimat verlassen, um im Ausland zu leben und zu studieren. Auch diesen Faktor erfüllt Israel, da es ein Immigrantenland ist. Denn das älteste Gesetz, das der einzige jüdische Staat kennt, ist das Rückkehrgesetz. Demnach dürfen grundsätzlich alle Juden weltweit nach Israel einwandern. Heute zählt das Land rund acht Millionen Einwohner, wovon 3,2 Millionen seit 1948 eingewandert sind.
Auch an Vorbildern fehlt es in Israel nicht. Erst Mitte 2013 Startups finanziell.
Arbeit gegen die Zeit
Eine, die den Schritt gewagt und ein eigenes Unternehmen gegründet hat, heisst Noa Simhoni. Die 27-jährige Israelin arbeitet seit fast einem Jahr an ihrem Startup namens Seemsome. Ihre Idee: Anwender können jegliche Charaktere oder Objekte in 3D-Form in die eigenen Fotos einfügen. Simhoni ist sich sicher: "Ich werde die Art revolutionieren, wie Menschen gemeinsam kommunizieren und Fotos austauschen. Ich möchte mindestens so viele Nutzer wie Instagram."
Da Tel Aviv zu den zwanzig teuersten Städten der Welt gehört, hat sie sich in einem Grossraumbüro namens Techloft eingemietet. Die Räumlichkeiten liegen im Herzen Tel Avivs, in der Nähe des Rothschild Boulevards - auch Silicon Boulevard genannt -, und erstrecken sich über zwei Stockwerke. Weisse zu einem Rechteck zusammengestellte Tische, schwarze Bürostühle, eine Küche, wo sich keine zwei Personen aufhalten können, und in der Mitte ein mit Glasscheiben abgetrennter Bereich, ein Ruheraum mit farbigen Kissen. Techloft bietet über 50 Arbeitsplätze – pro Person kostet ein Arbeitsplatz rund 340 Dollar.
Trotz den guten Voraussetzungen im Silicon Wadi arbeitet Simhoni gegen die Zeit, denn die erste Investitionsrunde ist noch nicht abgeschlossen. Obwohl das Startkapital nicht beisammen ist, hat sie das Jungunternehmen vergrössert: Seit zwei Wochen arbeitet Simhoni mit drei Entwicklern zusammen, alle (noch) ohne Lohn. "Wir wollen das Produkt Seemsome aber in sechs Monaten fertig gestellt haben", so ihr ambitioniertes Ziel. Die Zeit drängt.
Faktor "Militär"
Simhoni sieht aber auch klare Grenzen im israelischen Startup-System. So seien Risikokapitalgeber gar nicht risikofreudig. Diese fänden zwar ihren Businessplan immer "interessant" und "gut", und wollten "in Kontakt bleiben". Trotzdem seien sie erst zu einer namhaften Investition bereit, wenn das Produkt lanciert und bereits Nutzer hat. Aber das genau sei ja das Problem, sagt die Israelin. "Ich brauche das Geld jetzt, um ein gutes Produkt herzustellen und meine Entwickler zu bezahlen, nicht nach der Lancierung."
Zudem fehlt es laut Simhoni auch an Unterstützung, vor allem unter Frauen. "Frauen unterstützen sich in der Arbeit gegenseitig nicht im gleichen Masse wie Männer. Sie ermuntern zwar zur Frauenförderung, unterstützen aber im Endeffekt doch nur Männer." Das sei auch der Grund, führt die Israelin aus, weshalb es für Frauen schwieriger sei, Fuss zu fassen – sowohl in der Startup-Szene wie auch in Grossunternehmen.
Beim Staat hat sie sich erst gar nicht um Geld bemüht. Denn dieser investiert vorwiegend in Hightech- und Security-Startups, nicht in ein Fun-App wie Seemsome. In Israel kommt nämlich ein weiterer Faktor hinzu: die israelische Armee. Der junge Staat ist seit seiner Gründung im Krieg mit den Nachbarländern. Infolgedessen spielt die israelische Armee eine dominante Rolle im politischen und sozialen Leben. Alle israelischen Staatsbürger (orthodoxe Juden ausgeschlossen) müssen Militärdienst leisten, Männer drei und Frauen zwei Jahre lang. Von daher rührt auch das Interesse des Staates, vor allem in Hightech- und Security-Startups zu investieren.
Israel ist ein Startup
"In Israel gibt es so viele Startups, weil das Land selber noch eines ist," erklärt Hanan Brand, Partner und Analyst bei Jerusalem Venture Partners, das israelische Startup-Phänomen. Es sei noch ein junges Land, das noch im Aufbau sei, und niemand wisse, wo es hinführt. "Ein Startup zu gründen, erfordert Mut und Durchhaltevermögen. Zudem müssen Jungunternehmen gut improvisieren können. Eigenschaften, die in Israel zur Genüge vorhanden sind," so der Analyst.
Einer, der gut improvisieren kann, ist Aviad Gispan. Der 29-Jährige hat im letzten Jahr bereits sein zweites Startup namens Bee Gemia gegründet. Er entwickelt zusammen mit zwei Entwicklerinnen ein gleichnamiges Spiel. Dieses Jungunternehmen haben sie aber nur gestartet, um das erste zu finanzieren, erklärt Gispan seinen Plan.
Drei Jahre früher hatte das dreiköpfige Team das Unternehmen Utopia gegründet, womit sie im vergangenen Jahr bereits am Intel Business Challenge in Dublin teilnehmen durften. Sie kamen damit unter die besten 25 Unternehmen. Das Projekt musste aber auf Eis gelegt werden, da sie für die Umsetzung Geld brauchen.
"Noch verdienen wir zwar kein Geld", sagt der breitschultrige Israeli. Die drei arbeiten in Gispans Wohnung, und verdienen Geld mit Freelancer-Jobs. "Wir müssen einfach nur durchhalten, dann werden wir es schaffen", ist er überzeugt. (Linda von Burg)
Foto: Fotograph: Hen Cadori unter Creative-Commons-Lizenz.

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