IT-Ausbildungsmisere: Was können (und wollen) Multis tun?

12. Juni 2008, 15:25
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Andreas Knöpfli, Chef der Schweizer Niederlassung eines US-Multis und frisch gewählter Swico-Präsident im Gespräch mit inside-it.ch.

Andreas Knöpfli, Chef der Schweizer Niederlassung eines US-Multis und frisch gewählter Swico-Präsident im Gespräch mit inside-it.ch.
Gibt es einen tiefen Graben zwischen den Niederlassungen der multinationalen IT-Grosskonzerne und den lokalen Playern der IT-Industrie? Anlässlich der ersten Präsentation der Intitiative "informatica08" in diesem März, in dem nicht genannte Schweizer Vertreter der multinationalen Firmen angeblich dem Dachverband ICTSwitzerland "konzeptlose und sporadische Aktionen" vorwarfen.
Inside-it.ch hat sich mit Andreas Knöpfli (Foto), dem Managing Director von Sun Microsystems (Schweiz) AG, zur Haltung und Rolle der hiesigen Niederlassungen der multinationalen IT-Firmen unterhalten. Das Gespräch wurde im April geführt, aber bewusst erst nach der Wahl von Knöpfli zum Präsidenten der Swico veröffentlicht.
Es gibt in ganz Europa, auch und sehr in der Schweiz, eine Unlust von jungen Leuten, sich mit Technik, insbesonders Informatik zu beschäftigen. Die hiesige IT-Industrie, die vom Bau von komplexen Systemen lebt, droht an Fachleute-Mangel zu ersticken. Es gibt nun Initiativen, die den Trend umkehren wollen, doch scheinen diese eher von lokalen Playern auszugehen. Können die Niederlassungen von US-Grossfirmen überhaupt hier gesellschaftlich aktiv werden? Konkret: Was können Sie als Leiter von Sun Microsystems Schweiz in dieser Frage unternehmen?
Andreas Knöpfli: Gibt es diese behauptete Technologiemüdigkeit in Europa wirklich? In den USA schaut man sehr stark nach London, Zürich oder Osteuropa, wo interessante und gute Applikationen entwickelt werden. Ein Thema ist aber sicher, dass immer weniger Leute Naturwissenschaften und Technik studieren. Das ist ein Problem, das wir angehen müssen. Und nebenbei gesagt: Das Problem existiert auch in den USA! Es hat aber wohl auch damit zu tun, dass Jobs bei den Finanzdienstleistern in den letzten Jahren sehr attraktiv waren. Dies könnte sich nun ja auch wieder ändern.
Ich glaube, die Schweizer Organisation von Sun, aber auch von anderen Herstellern, tun schon sehr viel. Schauen Sie, wieviele Lernende wir ausbilden, wieviel wir in Werkstudenten und in Donationen von Soft- und Hardware in Hochschulen investieren.
Gerade was die Lehrlingsausbildung betrifft, wird aber kritisiert, der Beitrag der "Multis" sei verglichen zu dem der lokalen Player unverhältnismässig klein.
Andreas Knöpfli: Wir haben sogar Mühe, Lernende zu finden. Relativ viele Schüler bestehen die Prüfungen für den Antritt der Informatik-Lehre nicht und es gelang uns effektiv nicht immer, so viele Lernende einzustellen wie wir wollten. Mit über 20 Auszubildenden – Lernende, Praktikanten und Werkstudenten - tragen wir hier in der Schweiz durchaus zur Informatik-Ausbildung bei.
Auffallend ist, dass die Kampagnen zur Förderung des Bewusstseins, wie wichtig Ingenieure für den Wirtschaftsstandort Schweiz sind, von den Ingenieuren selbst ausgehen. Die Niederlassungen der Grossfirmen schwimmen eher nur mit.
Andreas Knöpfli: Der Eindruck ist falsch. Wir von Sun investieren in die Entwicklerkonferenz Jazoon, wir stecken relativ viel Mittel in die Ausbildung und ich glaube auch, dass die anderen, ähnlich gelagerten Player in der Schweiz signifikante Mittel investieren.
Ich glaube auch, dass die Aussage, die Niederlassungen der grossen Hersteller unterstützten informatica08 nicht, falsch ist. Die Unterstützung ist auf jeden Fall da. Vielleicht ist das finanzielle Engagement nicht dasjenige, das erwartet wurde. Dazu muss man sehen, dass sich die Preise der ursprünglich angebotenen Sponsoring-Pakete in stratosphärischen Höhen befanden. Damit schuf man einen suboptimalen Anfang. Trotzdem glaube ich, dass die Branche informatica08 ideell voll unterstützt und wir hoffen wirklich alle, dass die Kampagne ein Erfolg wird.
Die Begründung, dass die Lehrpläne und die fehlende Informatik-Grundausbildung an den Gymnasien primär Schuld seien am fehlenden Interesse an einer Informatik-Karriere, greift für mich zu kurz. Man lernt am Gymi auch nicht fliegen und trotzdem wollen viele Pilot werden. Aber die Beobachtung, dass Naturwissenschaften an den Mittelschulen zu kurz kommen und der Trend umgekehrt werden muss, ist richtig.
Ich glaube, dass uns heute insbesonders in der universitären Informatik-Ausbildung visible Köpfe fehlen. Vor zwanzig Jahren kannte man August Zehnder und Niklaus Wirth von der ETH, Kurt Bauknecht vom Institut für Wirtschaftsinformatik und Hubert Oesterle von der HSG. Ich fragte neulich in einer grösseren ICT-Runde nach bekannten Namen der Informatik in der schweizerischen akademischen Szene. Die Leute nannten immer noch August Zehnder, obwohl er vor fünf Jahren emeritiert ist. Uns fehlt eine Identifikationsfigur, von der man weiss, dass sie coole Sachen macht und die eine Magnetwirkung hat.
Dass es in der Schweiz eine Software-Industrie gibt, ist weitgehend unbekannt. Der Entwicklerkongress Jazoon dient unter anderem dazu, die Software-Industrie mehr ins Zentrum zu rücken. Bräuchte es dazu nicht mehr Glamour, mehr Tamtam?
Andreas Knöpfli: Sicher. Wir hätten gerne mehr Teilnehmer. Letztes Jahr waren es etwa 800, was für die erste Austragung schon nicht schlecht war. Dieses Jahr können wir doppelt soviele Anmeldungen verzeichnen wie letztes Jahr zur gleichen Zeit und die Ausstellung ist seit einiger Zeit ausverkauft. Auch das Programm ist attraktiver als letztes Jahr und wir mussten sogar einige gute Referenten abweisen. Also hoffen wir, dass wir die Zahlen vom letzten Jahr deutlich überschreiten können. Aber man muss der Jazoon auch Zeit geben. Kein Event in dieser Art konnte über Nacht gleich Abertausende von Teilnehmern mobilisieren.
Zur Softwareindustrie: Ich denke, wir sind in der Schweiz stark in der Entwicklung von kundenspezifischer Software und bei der Integration von Standard-Software wie etwa SAP. Erfolgreiche Firmen wie Abacus, Avaloq oder Finnova entwickeln und vermarkten zwar Standard-Software, aber es fehlt uns ein globaler Player als Lokomotive. Ich denke nicht, dass dies an unseren intellektuellen Fähigkeiten liegt, sondern der Heimmarkt der Schweiz ist einfach extrem klein. Wenn man schon mit dem Start eines Produkts drei Sprachen unterstützen muss, wird es schwierig. Mit Software ins Ausland zu expandieren, ist ein sehr grosser Sprung für ein Unternehmen und es wäre schön, wenn eine Schweizer Softwarefirma diesen schaffen würde. Zattoo ist ein gutes Beispiel, das einen globalen Durchbruch schaffen kann.
Youtube hätte man problemlos in der Schweiz entwickeln können, doch wäre es viel schwieriger gewesen, wirklich viele Augenpaare und damit das Interesse der Marketingpartner anzuziehen. Die Ramp-Up-Phase in einem kleinen, inhomogenen Markt wie der Schweiz ist einfach viel länger als in den USA. Positiv stimmt mich, dass Zürich mit Google, Microsoft und anderen sich zu einem Software-Cluster entwickelt.
Mit der US-Immobilienkrise sind auch die Aussichten für die Schweizer Finanzindustrie schlechter geworden. Das wird auch wieder auf den Informatik-Markt zurückschlagen. Wie kann man nun vermeiden, dass wie beim New-Economy-Crash der Eindruck entsteht, Informatik sei ein hektisches, unsicheres und brutales Geschäft?
Andreas Knöpfli: Die IT-Industrie ist reifer geworden, obwohl wir immer noch eine junge Industrie sind. Viele Jobs in der Informatik sind heute vergleichbar mit anderen Arbeitsplätzen. Niemand hockt mehr hinter Pizzaschachteln in einem fensterlosen Raum. Vielleicht gewinnen nun naturwissenschaftliche Fächer mit der Bankenkrise wieder an Momentum. Wir müssen uns sehr im Klaren sein, dass die Schweizer Volkswirtschaft ausschliesslich mit Bankern und Juristen à la longue den gegenwärtigen Stand nicht halten kann.
~~Zuletzt noch eine Frage an Andreas Knöpfli den Swico-Präsidenten: SwissICT und die SI werden sich
zusammenschliessen und wollen später auch die Ebene der Dachorganisation ICTSwitzerland integrieren. Damit soll ein relativ starkes Sprachrohr der IT-Industrie entstehen. Wäre es da nicht an der Zeit, dass der Swico sich in der einen oder anderen Form auch organisatorisch einbringt?~~
Der Swico ist das Sprachrohr der ICT-Anbieter und macht das auch erfolgreich in verschiedenen Bereichen wie z.B. Urheberrechtsdiskussion, MP3-Steuer, Ausbildung für höhere ICT-Berufe etc. Der neu gewählte Swico-Vorstand wird in den Sommermonaten die Strategie und Stossrichtung des Verbandes überprüfen und falls notwendig adäquate Anpassungen vornehmen. Die Konsolidierung der ICT-Verbände, wie sie jetzt im Bereich ICTSwitzerland passieren, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. (Interview: Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Sun Microsystems war (und ist) als "Launch Partner" ein wichtiger Kunde unseres Verlags.)

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