IT-Ausgaben bei Schweizer Banken zu gering

27. Oktober 2015, 17:00
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Bild: ZKB

Niedrige IT-Ausgaben bedeuten für eine Bank nicht zwingend geringere Gesamtausgaben. Eine Untersuchung zeigt, dass es ein Optimum des Anteils der IT-Ausgaben an den Gesamtkosten gibt.

Der für eine möglichst niedrige Cost Income Ratio (CIR) optimale Anteil von IT-Kosten an den Gesamtkosten ist bei kleinen und mittleren Schweizer Banken im Durchschnitt zu niedrig und nicht zu hoch. Mit dieser gewagten These interpretieren wir von Itopia die Ergebnisse unserer jüngsten Umfrage zu den IT-Kosten von über 60 Schweizer Regional-, Kantonal- und Privatbanken. Wie wir zu diesem Schluss kommen, wird anhand von vier Beobachtungen ersichtlich.
1. IT-Kosten-Anteil trotz Verbreitung von ICT gesunken
Von 2002 bis 2014 sind die anteiligen IT-Kosten am Total des Geschäftsaufwands nicht etwa gestiegen, sondern von rund einem Fünftel auf heute ein Sechstel gesunken (siehe Bild 1). Angesichts der massiven Verbreitung des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnik erstaunt dies. Es bedeutet, dass trotz steigender Automatisierung, starkem Wachstum von online und mobile Banking sowie weiterer E-Services, nicht die IT-Kosten, sondern andere Kosten bedeutsamer geworden sind. Dieser Trend wurde in den Krisenjahren – wegen rückläufiger Boni angesichts schwindender Erträge – unterbrochen, doch ist die Quote im Jahr 2014 so niedrig wie nie in der Untersuchung.
2. Niedrige IT-Ausgaben gehen nicht mit niedriger CIR einher
Wenn IT-Kosten sinken, müsste das vordergründig positiv sein: Weniger Ausgaben können nicht schlecht sein. Auch immer weiter sinkende Hardware-Kosten werden als Begründung angeführt. Doch Hardware-Kosten machen nur einen Teil der gesamten IT-Kosten aus.
Allerdings stellt sich die Frage, ob der vermeintliche Erfolg der rückläufigen IT-Kosten tatsächlich ein solcher ist. Denn es ist nicht feststellbar, dass der gesunkene Anteil der IT-Kosten am Geschäftsaufwand zu einer besseren CIR der Banken geführt hätte. Ganz im Gegenteil ist die CIR 2014 im Vergleich zu 2002 angestiegen und bei dieser Betrachtung sind die Krisenjahre völlig ausgeblendet. Eine zwingende Kausalität ist damit nicht nachgewiesen. Einflüsse auf die CIR sind vielfältig.
Stellt man dennoch CIR und den Anteil der IT-Kosten am Geschäftsaufwand in jedem Untersuchungsjahr einander gegenüber zeigt sich: Niedrige IT-Kosten gehen nicht systematisch mit einer niedrigen CIR einher. Trotz der Tatsache, dass IT-Kosten Bestandteil des Geschäftsaufwands sind, ist nicht nachweisbar, dass ein hoher IT-Kosten-Anteil zwangsläufig zu einer hohen CIR führt. Ein unmittelbarer – linearer – Zusammenhang, sei er positiv oder negativ, ist nicht offenkundig.
Ein Erklärungsansatz besteht darin, dass die IT kein Selbstzweck ist, sondern dazu dient, ansonsten manuell auszuführende Tätigkeiten rationeller zu erledigen. Etwa automatisiert oder durch den Kunden selbst, wie beim Online-Banking. Das wiederum sollte die IT-Kosten senken.
3. Optimale IT-Ausgabenquote liegt weit über dem Durchschnitt
Durchschnittswerte sind eines, aber Banken schlagen unterschiedliche Wege ein. Dies ist Ausgangspunkt einer Betrachtung zweier Banken mit vergleichbarer Ausrichtung und ähnlichem Geschäftsumfang (Mitarbeiter, Bilanzsumme, AuM und Verhältnis Bilanzsumme zu AuM). Der Anteil der IT-Kosten der einen Bank ist mit 28,0 Prozent vom Geschäftsaufwand fast doppelt so hoch wie der der anderen mit 15,2 Prozent. Interessant ist nun, dass es sich bei der CIR der Banken ganz anders verhält. Dabei liegen beide Banken fast gleichauf. Die Bank mit dem hohen IT-Kostenanteil liegt sogar um einige Zehntel unter der anderen.
Auch wenn niedrige Kosten per se erwünscht sind, ist es unmittelbar einleuchtend, dass IT-Kosten von 0 kein erstrebenswerter Zustand sein können. Alles "von Hand" zu machen, kann nicht effizienter sein als ein gewisser IT-Einsatz. Gleichzeitig ist ein IT-Anteil von 100 Prozent an allen Kosten weder sinnvoll noch praktikabel. Damit liegt nahe, dass es ein Optimum innerhalb dieser Grenzen geben könnte.
Die empirische Untersuchung der Daten stützt diese These. Beispielhaft am aktuellsten Untersuchungsjahr 2014 lässt sich die Kurve wie in Bild 2 dargestellt berechnen. Sie zeigt, dass für den Gesamtmarkt ein Optimum von 23 Prozent Anteil existiert. Dieses liegt deutlich jenseits des Durchschnittwertes der IT-Kosten mit rund 16 Prozent Anteil. Das Ergebnis lässt sich analog für frühere Untersuchungsjahre feststellen.
4. Wohlüberlegte Auswahl
Mit den gewonnenen Erkenntnissen ist ein schlichter Minimierungsanspruch für die IT-Kosten nicht vereinbar und ein solcher Ansatz daher zu verwerfen.
Die richtungsgebende Handlungsempfehlung lautet: Unter Berücksichtigung vielfältiger Einflüsse auf Geschäftsaufwand und CIR sollten mehr sinnvolle IT-Ausgaben getätigt werden. Ansätze gibt es in zahlreicher Form: Industrialisierung als Nachfolge der Automatisierung, die aktuell allgegenwärtige Digitalisierung, Standardisierung am Frontend einschliesslich der Verlagerung von Arbeiten auf die Kunden. Man muss indessen nicht allein auf Effizienz fokussieren. Geschickter IT-Einsatz (Stichwort Big Data) erlaubt auch besseres Kundenmanagement zur gezielteren Kundeninteraktion. (Andreas Merbecks)
Die Umfrage: Itopia führt jährlich unter Schweizer Retail-, Kantonal- und Privatbanken eine Erhebung der IT-Kosten durch, an der jedes Jahr ca. 40 Banken teilnehmen. Ziele der Umfrage sind Vergleichbarkeit, Transparenz und Ansätze für Optimierungen zu schaffen. Ausgewählte Aspekte der Umfrage sind hier und auf www.itopia.ch veröffentlicht.

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