IT-Industrie nach Erdbeben in Japan mit Fabrikschäden, Produktionsstopps und Evakuierungen konfrontiert

15. März 2011, 13:43
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Lieferengpässe und steigende Elektronikpreise?

Lieferengpässe und steigende Elektronikpreise?
Das Erdbeben vom 11. März 2011 im Nordosten Japans hat zusammen mit dem dadurch ausgelösten Tsunami und mehreren Reaktorunfällen bis hin zum möglichen Super-GAU nicht nur unzählige Menschenleben gefordert, sondern hat auch direkte Folgen für die weltweite Elektronikindustrie. Das wiederum wird für eine Reihe von Produkten unweigerlich zu Preiserhöhungen führen. 17 der 54 Atomkraftwerke, auf denen Japans Energiewirtschaft zu etwa einem Drittel fusst, sind zum Teil oder ganz ausgefallen. Das hat dazu geführt, dass die Stromversorgung rationiert werden musste. Ob direkt oder indirekt ist daher eine grosse Zahl von Unternehmen im Land der aufgehenden Sonne vom Sendai- oder Tohoku-Beben betroffen. Die Liste liest sich wie ein Who-is-Who der drittgrössten Volkswirtschaft (nach den USA und China): Sony, Panasonic, Toshiba, Fujitsu, der Automobilriese Toyota und viele mehr haben Fabrikschäden zu vermelden gehabt und mehr oder weniger grosse Teile der Produktion ruhen lassen müssen.
Halbleiterindustrie hängt am seidenen Faden
Sony hat laut 'Digitimes' gleich an dem japanischen schwarzen Freitag Produktionsstopps in den am meisten getroffenen Präfekturen Miyagi und Fukushima veranlasst. Der Name der Stadt und Präfektur Fukushima bedeutet "Glücksinsel", hat aber in den vergangenen Tagen traurige Berühmtheit durch die drohende Katastrophe im Atomkraftwerk Nummer eins erlangt. Von den Produktionsausfällen bei Sony betroffen ist dem Vernehmen nach unter anderem die weltweite Versorgung mit Batterie- und Akkuzellen, weshalb Hersteller aus Taiwan schon mit stark steigenden Preisen rechnen.
Auch die Halbleiterindustrie der sich offiziell Republik China nennenden Inselrepublik macht sich Sorgen. Elpida Memory Inc., Japans einziger DRAM-Hersteller und sein ebenfalls dort produzierender amerikanischer Konkurrent Micron, vermelden zwar keine grossen Schäden durch das Erdbeben, wohl aber SEH (Shin-Etsu Handotai), einer der wichtigsten Lieferanten von 12-Zoll-Wafer mit einem Weltmarktanteil von 22 Prozent. Laut 'Infoworld' ist Taiwans Chipindustrie bei 12-Zoll-Wafer zu etwa 50 Prozent von japanischen Lieferanten abhängig und zu 30 Prozent bei 8-Zoll-Waffeln. Während die Auswirkungen des Erdbebens auf die DRAM-Preise noch überschaubar sind, ist der Markt für Flash-Speicher weit mehr erschüttert. Der Grund ist unter anderem in Produktionsausfällen bei Toshiba zu suchen. Es handelt sich dabei immerhin um den zweitgrössten Hersteller von NAND-Flash-Speicherchips nach Samsung Electronics. Die Preise für 32-Gigabit-NAND-Flash-Chips sind im späten Asienhandel am Montag (14.03.11) laut DRAMeXchange um 17,7 Prozent in die Höhe geschossen, Digitimes Research zufolge sind die Spotmarktpreise für MLC-Flash-Speicher sogar um 20 Prozent gestiegen. Das wird vor allem auch Auswirkungen auf die Preise von Notebooks mit Solid State Disk (SSD) haben.
Wie das 'Wall Street Journal' Jim Handy, einen Analysten bei Objective Analysis, zitiert, kommen über 40 Prozent der NAND-Flash-Chips aus Japan. Die Kollegen von IHS iSuppli haben in einer vorläufigen Analyse über die Bedeutung Japans und des Erdbebens vom Freitag unter anderem festgestellt, dass das Land mit 63,3 Milliarden Dollar rund 20,8 Prozent der weltweiten Halbleiterumsätze erwirtschaftet sowie 13,9 Prozent der auf 1,6 Billionen geschätzten globalen Fabrikumsätze mit Elektronikprodukten. Die Zulieferindustrie soll von dem Erdbeben weit stärker betroffen sein als die Elektronikhersteller selbst. Selbst der koreanische Riese Samsung ist bei einigen Schlüsselkomponenten für Halbleiter und LCDs immer noch auf Lieferungen aus Japan angewiesen und hat eingeräumt, dass die Lieferkette durch das Erdbeben zum Teil gestört ist.
LCD-Engpässe zu erwarten
Aus dem Lager der LCD-Panel-Industrie waren bisher vergleichsweise wenig Schreckensmeldungen bekanntgeworden, sieht man davon ab, dass Taiwans Nummer zwei AU Optronics (AUO) am Samstag ein LCD- und Solar-Wafer-Werk einer Tochter in Sendai, praktisch am Epizentrum des Erdbebens, vorübergehend schliessen musste. Was in der internationalen Berichterstattung etwas untergeht, ist ein Schadensbericht von Asahi Glass, nach Samsung Corning und Corning einer der grössten Lieferanten von Muttergläsern (Glassubstraten) für LCD-Panels und der Waben von Münchens Allianz Arena. Ein anderes Erdbeben in Japan hat in der zweiten Jahreshälfte 2009 die Produktion in einem Werk von Corning auf Monate lahmgelegt und die damals bestehenden Engpässe noch verstärkt. Anfang 2009 haben fast alle Glassubstrathersteller ihre Produktion zurückgefahren. Um sie wieder hochzufahren, können laut einem Analyst der britischen DisplaySearch-Tochter Meko bis zu drei Monate vergehen, weil es so lange dauere, die Schmelzöfen und die Tauchbecken für die hauchdünnen riesigen Muttergläser zu reinigen.
Von dem Ausfall bei Corning mit betroffen war unter anderem auch die Panel-Produktion von Sharp, dem ersten Hersteller mit einem laufenden 10G-Werk zur Verarbeitung von rund 8,7 qm grossen Muttergläsern. Meist werden nur maximal 5,5 qm grosse Muttergläser (8.5G-Produktion) verarbeitet. Von dem neuen Erdbeben der Stärke 9,0 betroffen ist laut dem 'IDG News Service' unter Berufung auf Yuanta Consulting aus Taiwan auch die Produktion von Hitachi Chemical und Sony Chemical. Beide stellen 80 bis 90 Prozent der Lötverbindungen für LCD-Panels. Samsung Electronics, LG Display, Chimei Innolux (CMI) und AUO, die 85 Prozent des Panel-Weltmarktes bestreiten, könnten zwar 40 Tage von ihren Vorräten zehren. Wenn diese aber aufgebraucht sind, werde es unweigerlich zu Engpässen kommen, meint Sebastian Ho von Yuanta. IHS iSuppli sieht auch die Lieferung anderer LCD-Komponenten durch das Erdbeben bedroht, betroffen sind unter anderem Polarizer von Fuji Film. Steigende Panel- und Display-Preise sind daher nicht auszuschliessen.
Exodus und Spendenmoral
Weit schlimmer als die Folgen des Erdbebens ist die Sorge um einen Super-GAU und eine atomare Verstrahlung weiter Teile Japans und Anrainerstaaten wie China und Südkorea. Auf Twitter und in anderen Social-Media-Netzwerken überschlagen sich die Meldungen, zum Beispiel über ausländische Firmen, die sich dem Exodus anschliessen oder ihre Mitarbeitenden in sicherere Gebiete abziehen. In der Twitter-Gerüchteküche die prominentesten Beispiele sind SAP und Infineon. Beide deutsche Konzerne sollen schon veranlasst haben, ihre Operationen in den Süden von Honshu zu verlagern. SAP zum Beispiel hat demnach schon Hotels in Osaka und Nagoya für die Angestellten angemietet.
Zu Japans ureigensten geistlicher Architektur gehören die teils Shinto, teils dem Buddhismus, teils dem Fuchsgott Inari geweihten Torii (Torbögen), die mitunter zu ganzen Torii-Wäldern aufgereiht sind. Was ausländischen Besuchern oft verborgen bleibt, sind die Namen der Spender, denn auch die lesen sich oft wie ein Who-is-Who der japanischen Wirtschaft. Dabei wird es als hohe Ehre gesehen, als Stifter auf einem Torii verewigt zu sein. Ähnlich wie der Charity-Gedanke in den USA ist die Spendenmoral reicher Japaner und Konzerne seit jeher hoch. Dem können sich auch ausländische Unternehmen offenbar nicht entziehen. Denn wie HP-Chef Léo Apotheker sagte, habe die Unternehmensstiftung Hilfsmittel für die Opfer der Katastrophe aufgebracht und würden Spenden von Mitarbeitern ebenfalls dazu beitragen. HP selbst und die Belegschaft in Japan sei aber nicht von dem Erdbeben und den Folgen betroffen.
Sony hat laut 'Computerworld.ch' Soforthilfen in Höhe von 300 Millionen Yen oder umgerechnet 3,4 Millionen Franken zugesagt. Ausserdem verteilt der Elektronikkonzern 30'000 Radios für die Informationsversorgung der Bevölkerung in der Krisenregion. Panasonic hat mitgeteilt, dass die Werke in Sendai und Fukushima nicht betretbar seien. Das Unternehmen hat aber ebenfalls 300 Millionen Yen an Spenden versprochen und ebenfalls Hilfsgüter wie Radios, Taschenlampen und Batterien beziehungsweise Akkus ausgegeben. Sharp will dem Bericht zufolge 100 Millionen Yen oder 1,1 Millionen Franken spenden, ausserdem prüfe man noch die Ausgabe möglicher Hilfsgüter wie TV-Geräte in der Krisenregion, wurde Alexander Herrmann, Chef der Schweizer Niederlassung des japanischen Elektronikkonzerns von 'Computerworld.ch' zitiert. Von grösseren Schäden in Sharps Fabriken ist ihm zufolge nichts bekannt.
Die Belegschaft von Fujitsu Deutschland hat den Opfern der Naturkatastrophe in einem offenen Brief ihr tiefstes Mitgefühl zum Ausdruck verliehen. Nach ihrem Kenntnisstand seien keine Kollegen in Japan in Folge des Unglücks verletzt worden. Produktionsausfälle in Japan sollen teilweise in einem Fujitsu-Werk in Augsburg aufgefangen werden. Dort hat der japanische Konzern die europaweite Fertigung von Desktop-PCs und x86-Servern angesiedelt. Weiter heisst es in einem Blog-Eintrag: "Fujitsu arbeitet aktiv daran, die relevante beschädigte Infrastruktur in den betroffenen Regionen wiederherzustellen, mit höchster Priorität auf den essentiellen Versorgungssystemen wie Strom, Wasser und Treibstoff sowie Krankhäuser, Polizei und Feuerwehren. Darüber hinaus stellt Fujitsu über eine Million US-Dollar zur Verfügung, ebenso die notwendigen Hilfsgüter, um die Menschen vor Ort zu unterstützen." (Klaus Hauptfleisch)

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