IT-Streit der Gerichte: Millionen für nichts?

24. November 2009, 14:12
  • e-government
  • microsoft
  • abraxas
  • open source
  • bit
image

Dass das Bundesverwaltungsgericht von der jetzigen Open-Source-Umgebung des Bundesgerichts auf Microsoft wechseln wird, ist beschlossene Sache. Eine Kooperation bei den Fachanwendungen wäre aber trotzdem möglich. Doch auch in diesem Fall zeichnet sich eine Trennung ab.

Dass das Bundesverwaltungsgericht von der jetzigen Open-Source-Umgebung des Bundesgerichts auf Microsoft wechseln wird, ist beschlossene Sache. Eine Kooperation bei den Fachanwendungen wäre aber trotzdem möglich. Doch auch in diesem Fall zeichnet sich eine Trennung ab.
Das Bundesgericht in Lausanne und das Bundesverwaltungsgericht (BVGer) in Bern sind sich IT-mässig nicht grün. So viel ist seit nunmehr fast drei Jahren klar. Das im Januar 2007 aus der Zusammenlegung von drei Dutzend Rekurskommissionen und Beschwerdediensten entstandene BVGer übernahm nach der Gründung zunächst die Informatik des Bundesgerichts, das eine Open-Source-Strategie fährt (Solaris, StarOffice, Evolution).
Beim BVGer kamen die neuen Programme aber offenbar nicht gut an. Open-Source-Vertreter sind der Ansicht, diese Migration sei unnötig und verschlinge unnötig Steuergeld.
Was kostet die gesamte Migration?
Wenn von Informatik die Rede ist, dann ist in diesem Fall aber nicht nur Microsoft oder Open Source gemeint, sondern auch spezifische Gerichtssoftware. So arbeitet das BVGer derzeit mit dem vom Bundesgericht entwickelten Geschäftsverwaltungssystem DossPlus (früher Bradoss). Mit der Migration von Open Source auf Microsoft will das BVGer gleichzeitig von DossPlus auf eines der beiden hierzulande gängigen Systeme wechseln: "Tribuna" von Delta Logic oder "Juris" von Abraxas stehen zur Auswahl. Auch diese Migration kostet Geld.
BVGer-Präsident Christoph Bandli sagt zu inside-it.ch, das Gesamt-Projekt (Microsoft und Fachanwendung) koste voraussichtlich 4 Millionen Franken. Der grösste Brocken sei die Gerichtssoftware, die um die 2,5 Millionen Franken kosten dürfte. Hier ist der Vertrag noch nicht abgeschlossen. Mit Microsoft besteht hingegen bereits ein Vertrag: Die Migration auf Windows werde - inklusive Netzwerkanbindung durch das BIT - 1,5 Millionen Franken kosten, wie Bandli bereits Anfang November gesagt hatte. Gemäss Bandli werde das ganze Projekt wahrscheinlich sogar noch günstiger.
Marc von Weissenfluh, Informatik-Chef des Bundesgerichts, gibt sich hingegen gegenüber inside-it.ch überzeugt, dass die gesamten Migrationskosten des BVGer über 8 Millionen Franken betragen werden – oder sogar noch mehr. Das BVGer habe vor kurzem diese Zahl indirekt bestätigt, so von Weissenfluh. BVGer-Präsident Bandli entgegnet aber: "Nicht einmal die TCOs (Total Costs of Ownership) inklusive fünf Jahre Betrieb werden uns 8 Millionen Franken kosten."
Ob 4 oder 8 Millionen, die Frage bleibt: Hätte man sich diese Kosten nicht sparen können? Was die Bürokommunikation betrifft, ist der Zug schon abgefahren. Das BVGer könnte aber bei der Fachanwendung DossPlus bleiben und so immer noch einen grossen Betrag sparen. Immerhin attestiert auch das BVGer der Bundesgerichts-Lösung DossPlus gute Funktionalitäten. Nicht ausser Acht lassen sollte man das allgemeine Projektrisiko (Stichwort Datenmigration) sowie umfangreiche Parametrisierungen und Anpassungen zum Abbilden von gerichtsspezifischen Prozessen.
Anfrage traf nie ein
Dieser Kompromiss wird aber nicht zustande kommen. Das BVGer sagt, man habe ausdrücklich eine fortlaufende Kooperation bei der Fachanwendung gewünscht. Die Verwaltungskommissionen des Bundesgerichts (Leitungsorgan) habe sich aber auf den Standpunkt gestellt, dass es keine Zwischenlösung gibt: Entweder Open Source inklusive DossPlus – oder komplette Loslösung.
Marc von Weissenfluh vom Bundesgericht sagt jedoch, man habe anlässlich einer Sitzung mit dem BVGer im vergangenen Juni die Möglichkeiten einer eventuellen Zusammenarbeit beim Betreiben von Fachanwendungen für das BVGer erörtert. Das Bundesgericht habe dem BVGer dabei klar gemacht, dass die Verwaltungskommission des Bundesgerichts bei einem allfälligen Interesse an einer Zusammenarbeit eine formelle Anfrage erwarte. Diese sei jedoch nie eingetroffen.
Die Situation scheint verfahren. Beteiligte sind sich einig, dass die beiden Verwaltungskommissionen nie und nimmer der jeweilig anderen einen Gefallen machen würden. Angesichts solcher Animositäten ist es vielleicht gar nicht das Schlechteste, bei der Informatik getrennte Wege zu gehen. Ein schaler Geschmack bleibt aber trotzdem. (Maurizio Minetti)
(Bilder: Links das Bundesgericht in Lausanne © "Claude Huber, Photographe, Lausanne". Rechts das Bundesverwaltungsgericht in Bern.)

Loading

Mehr zum Thema

image

Datenschutzbedenken wegen M365: Microsoft wehrt sich heftig

In Deutschland, Frankreich und der Schweiz stehen M365-Anwendungen in der Kritik der Datenschützer. Microsoft erklärt, die Bedenken seien "dogmatischer Selbstzweck".

publiziert am 30.11.2022
image

E-Mails, SMS & Co.: EU will einfacher an digitale Daten kommen

Ermittler in der EU sollen zur Verfolgung schwerer Straftaten einfacher und schneller Zugang zu elektronischen Beweismitteln bekommen – unabhängig davon, ob sie verschlüsselt sind.

publiziert am 30.11.2022 2
image

Innovationspark Dübendorf erhält 100 Millionen Franken

Auf dem alten Flugplatz soll ein Hub für Startups und Forschung entstehen. Der Zürcher Kantonsrat hat 97 Millionen Franken für die Entwicklung bewilligt.

publiziert am 29.11.2022
image

Innosuisse baut eigenes IT-Sicherheitszentrum auf

Die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung will ihre Hauptanwendungen vom BIT lösen und in die Cloud auslagern. In einer Ausschreibung werden dafür externe Dienstleister gesucht.

publiziert am 29.11.2022