IT-Verbands-Chaos: who cares?

3. April 2009, 12:20
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Kommentar: Rettet Bundesrätin Leuthard die IT-Schweiz aus dem Verbands-Chaos?

Kommentar: Rettet Bundesrätin Leuthard die IT-Schweiz aus dem Verbands-Chaos?
Vor gut zwei Wochen scheiterte das ehrgeizige Projekt, mit der Fusion von SwissICT, SI und ICTswitzerland einen starken Schweizer ICT-Einheitsverband zu lancieren am Widerstand des Telekomverbands asut und einiger Welschschweizer und Tessiner Mitglieder in SI und ICTswitzerland. So what?
Zurück auf Feld Minus-1
Am 19. März hat man mehr verpasst, als nur die Gründung einer etwas einheitlicheren, von aussen verständlicheren Struktur. Denn das helvetische IT-Vereinswesen hat sehr viel Goodwill verspielt und zudem einige engagierte Leute verloren. Die IT-Industrie steht nach dem 19. März bezüglich ihrer gesellschaftlichen Relevanz schlechter da als zuvor. Mit den Schultern zu zucken und "who cares?" zu murmeln, wäre falsch, denn in Zeiten der Krise werden die Verteilungskämpfe um öffentliche Ressourcen härter. Ausgerechnet die IT-Industrie steht nun, trotz grossem Wachstumspotential und hoher Wertschöpfung, ohne öffentliche Stimme da und der in unseren Augen grosse Erfolg der informatica08 droht zu verpuffen.
Ursachenforschung
Man könnte die Ursachen für das Scheitern der Gründung eines Einheitsverbands auf Budgetfragen, auf Partikularinteressen und einem zu forschen Vorgehen des einen oder anderen Verfechters der Fusion reduzieren. Doch dahinter stecken strukturelle Gründe:
- Die hoch regulierte Telekommunikations-Industrie hat andere Probleme und Interessen als die IT-Industrie. Es ist nicht einzusehen, warum ausgerechnet die asut bei der Gründung eines IT-Einheitsverbands das Zünglein an der Wage spielen soll.
- Man hat im Fusionsprojekt - bildlich gesehen - versucht, Äpfel, Birnen und Mangos in ein Paket zu stecken. Sowohl in SwissICT wie auch in der SI gibt es Fachgruppen wie auch Firmenvertreter und ICTswitzerland wäre nach der Fusion Dach-, Firmen- und Fachverband in einem gewesen.
- Es ist nicht gelungen, die Vertreter der grossen, multinationalen Anbieter, die heute vor allem in der Swico organisiert sind, in einer vernünftigen Form, wenigstens als "wohlwollende Zuschauer", einzubeziehen.
Vor dem nächsten grossen Anlauf, der Schweizer I(C)T-Industrie zu einer starken Stimme zu verhelfen, wird man also sehr genau definieren müssen, welche Funktion eine künftige Einheitsstruktur haben sollte und welche Art von Mitgliedern in welche Struktur passen.
"Es braucht einen Wirtschaftsverband" - und was noch?
Wir haben nach dem 19. März eine ausführliche Umfrage unter verschiedenen Playern zur Zukunft der Schweizer Verbandslandschaft durchgeführt. Eine der überlegtesten Antworten kam von Swico-Präsident Andreas Knöpfli:
"Um aber Kräfte zu bündeln und mehr Gewicht in politischen und öffentlichen Bereichen zu generieren, ist ein Wirtschaftsverband im ICT-Bereich anzustreben, bei dem Firmen mit engem ICT-Bezug (ICT-Anbieter, grosse Anwender, Entwickler, etc.) sowie Unis-/Hochschulen und andere Ausbildungsstätten gemeinsame Interessen vertreten. Bewusst sind dabei Einzelmitglieder, Studenten etc. nicht berücksichtigt. Wesentliche Fokusthemen eines Wirtschaftsverbandes sind ökonomische, politische, ausbildungs- und arbeitgeberelevante Themen sowie die generelle Attraktivität des ICT-Standorts Schweiz. Last but not least muss auch sichergestellt sein, dass wir als Nicht-EU-Land frühzeitig informiert/involviert sind, wenn die EU neue Regelungen und Gesetze implementiert, so dass regulatorische Sonderlösungen für die Schweiz verhindert werden können. Ein wichtiger Punkt ist natürlich ebenfalls die finanzielle Dotierung eines solchen Wirtschaftsverbandes."
Daneben (und als wichtige Stimme im Wirtschaftsverband) braucht es eine Struktur, in der sich Fachgruppen, spezialisierte Firmengruppen, Gruppen aus Sprachregionen und was auch immer in der bunten Schweizer IT-Welt kreucht und fleucht, Preise verteilt, Medienarbeit macht, E-Government-Standards setzt und Weiterbildung organisiert, austauschen und koordinieren können. Diese Struktur muss nicht neu erfunden werden: SwissICT ist schon da und geht als einzige der Beteiligten eher gestärkt aus dem Desaster vom 19. März heraus.
Rettet uns Doris Leuthard?
Während in der bestehenden Verbandslandschaft zur Zeit wohl eher Wundenlecken angesagt ist, gibt es immer noch die von Bundesrätin Doris Leuthard angestossene Diskussionsgruppe, die - unter Einbezug der Chefs einiger grossen IT-Firmen und von einigen wichtigen Anwendern - einen Vorschlag für einen Einheitsverband in der Schweiz ausarbeitet.
Dass die Verbandsfusion unter dem Dach von ICTSwitzerland gescheitert ist, könnte für diese Gruppe und ihre (noch unbekannten - man hält sich sehr bedeckt und ist sich dem Vernehmen nach auch nicht sehr einig) Vorschläge sogar eine Chance sein. (Christoph Hugenschmidt)

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