Jahrhundertprojekt: EU plant digitale Riesenbibliothek

12. August 2008, 15:19
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"Europeana" soll noch diesen Herbst starten.

"Europeana" soll noch diesen Herbst starten.
Die von der Europäischen Union geplante europäische digitale Bibliothek "Europeana" könnte bereits im kommenden Herbst Wirklichkeit werden. Mit ihr will die EU die kulturelle Vielfalt Europas in Büchern, Musik, Bildern, Fotos und Filmen für alle Bürger über ein einziges Online-Portal per Mausklick zugänglich machen. "Die Digitalisierung von Kulturwerken kann den Europäern Zugang zu den Beständen ausländischer Museen, Bibliotheken und Archive geben, ohne dass sie sich dazu auf Reisen begeben oder in Hunderten von Seiten nach der gewünschten Information blättern müssen", heisst es von der EU-Kommission. Um den Traum von einer europäischen digitalen Bibliothek verwirklichen zu können, müssten die Mitgliedsstaaten allerdings noch weitere Anstrengungen vor allem in Bezug auf die Digitalisierung der eigenen Kulturwerke unternehmen. In den Bibliotheken Europas würden mehr als 2,5 Mio. Bücher lagern, aber nur ein Prozent des archivierten Materials liege in digitaler Form vor, kritisiert die Kommission.
"Die Europeana-Bibliothek wird den Menschen einen schnellen und einfachen Zugang zu europäischen Büchern und Kunstwerken bieten - ob im Heimatland oder im Ausland", erklärt Viviane Reding, EU-Kommissarin im Bereich Informationsgesellschaft und Medien. So werde beispielsweise ein tschechischer Student in Werken der British Library blättern können, ohne dazu nach London reisen zu müssen oder ein irischer Kunstliebhaber die Mona Lisa bewundern können, ohne vor dem Louvre in Paris Schlange zu stehen. "Aber obwohl die Mitgliedsstaaten bei der Verbreitung des Kulturguts über das Internet schon grosse Fortschritte gemacht haben, sind noch mehr öffentliche und private Investitionen erforderlich, um die Digitalisierung weiter zu beschleunigen", betont Reding. "Ich möchte erreichen, dass die Europeana-Bibliothek mit vielfältigen Inhalten noch vor Jahresende eröffnet wird", ergänzt die EU-Kommissarin.
Noch ungelöste Fragen
"Die Europeana hat zur Zeit noch das Problem, dass der Stand der Digitalisierung in den einzelnen Mitgliedsstaaten sehr unterschiedlich ist", stellt Friedrich Geisselmann, Direktor der Universitätsbibliothek Regensburg, auf Anfrage von pressetext fest. Da die EU nicht selbst in grossem Stil Kulturwerke digitalisiere, sei sie auf das digitale Material angewiesen, das in den einzelnen Mitgliedsstaaten vorhanden ist. "Auch in Deutschland ist die Digitalisierung unterschiedlich weit fortgeschritten", merkt Geisselmann an. Einige Bibliotheken würden etwa sehr intensiv digitalisieren, während im Bereich Museen in dieser Hinsicht noch starke Defizite vorherrschen. "Die Kostenfrage ist in diesem Zusammenhang natürlich ein wesentlicher Faktor. Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch niemand genau sagen, was der Digitalisierungsprozess letztendlich kosten wird", meint Geisselmann.
Eine weitere ungelöste Frage betreffe die Langzeitkonservierung von digitalen Medien wie die EU in einer Mitteilung schreibt. Den meisten Ländern fehle es an Methoden, Technologie und Erfahrung darin. Zudem sei noch unklar, wie das Problem von "verwaisten" Urheberrechten gelöst werden solle. Es geht um Werke, deren Urheber nicht auffindbar ist und der deshalb seine Zustimmung zur Digitalisierung nicht geben kann.
Um die Mitgliedsstaaten bei der Online-Bereitstellung ihrer wertvollen Kunstschätze zu unterstützen, will die Kommission in den Jahren 2009 bis 2010 rund 69 Mio. Euro aus dem EU-Forschungsrahmenprogramm in die Digitalisierung und die Entwicklung digitaler Bibliotheken lenken. Weitere 50 Mio. Euro werden im gleichen Zeitraum aus dem EU-Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation für die Verbesserung des Zugangs zu europäischen Kulturinhalten bereitgestellt. Allerdings dürften sich allein schon die Gesamtkosten für die Digitalisierung von fünf Mio. Büchern in den Bibliotheken Europas laut Schätzungen der EU auf 225 Mio. Euro belaufen, wobei besondere Objekte wie Manuskripte oder Gemälde noch gar nicht berücksichtigt sind. (pte / hc)

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