Kagermann: "Orchestrieren statt programmieren"

19. Mai 2008, 13:05
image

Unspektakulärer Auftakt zur SAP-Anwendermesse Sapphire.

Unspektakulärer Auftakt zur SAP-Anwendermesse Sapphire.
Sapphire: Das heisst Taxikolonnen in Richtung eines riesigen Messezentrums in irgend einer Hauptstadt Europas, Schlangen vor Registrierungsschaltern und abertausende vorwiegend männlicher, vorwiegend krawattierter Geschäftsleute in einer Halle, in der ZSC-Fans in einem normalen Spiel leicht Platz fänden. Auf der Bühne wird Englisch mit SAP-typischem Akzent (gibt es eigentlich eine Firmenvorschrift, die die Aussprache des englischen 'th' verbietet?) gesprochen und meistens mit Eigenlob nicht gespart.
Anders heute Morgen, als SAP-Co-Chef Henning Kagermann die diesjährige Kundenmesse von SAP in Berlin mit einer Keynote eröffnete. Anstelle von grossen Ankündigungen oder spitzen Bemerkungen über Konkurrenten hielt Kagermann eine Art Einführungsvorlesung für Anfänger und Fortgeschrittene im Fach 'Betriebswirtschaftslehre in globalisierten Märkten'. Es ging um neue Modelle für die Gewinnmaximierung durch optimale Rationalisierung (natürlich verwendet Kagermann andere Worte) oder durch die raschere Entwicklung und Vermarktung von neuen Produkten: Neu und nur mit SAP-Systemen: Beides zusammen!
Nie mehr programmieren?
Der Traum, Software zu schreiben, ohne zu programmieren, ist nicht neu. Auch SAP gehört nun zu den Anbietern, die Anwendern versprechen, sie könnten Abläufe in der Software neu abbilden, ohne zu programmieren. Demonstriert wurde anhand eines (sehr) einfachen Beispiels, wie in einem Prozess - im Beispiel ging es um die Ausschreibung und Auftragsvergabe unter vier unterschiedlichen Spediteuren - ein zusätzlicher, automatisierter Schritt eingefügt werden kann. Programmier-Arbeit soll mit "Business Process Management" unnötig werden, weil Geschäftsanwender selbst - in diesem Fall der Einkaufsmanager - vordefinierte Services mit denen die Systeme untereinander kommunizieren, verwenden können. 2'800 solcher industriespezifischer Services, welche die Grundlage aller SOA-Systeme (Service orientierte Architektur) darstellen, wurden gemäss Kagermann bis heute definiert.
Nie mehr upgraden?
Es ist zwar nicht mehr ganz neu, trotzdem eigentlich eine Revolution: Mit den "Enhancement Packages" wird SAP gemäss Kagermann den Schrecken der teuren, schwierig zu implementierenden Upgrade-Schritte von grossen Software-Systemen beseitigen. Künftig sollen Neuentwicklungen "side-by-side" - ohne die alten Systeme zu stören - installiert, ausprobiert und ausgerollt werden können.
Unklar blieb - mindestens uns - wie SAP mit dem Modell der "Enhancement Packages" Geld verdienen will. Die erhöhten Wartungskosten für Neukunden dürften die Ertragsminderung für SAP beim Wegfall von Upgrades ja wohl nicht kompensieren. Oder doch?
Nie mehr etwas nicht wissen?
Wichtiger Teil von Kagermanns Keynote waren die neuen Funktionalitäten, die durch den Einbau von BI-Werkzeugen des übernommenen Herstellers Business Objects hinzugekommen sind. Der SAP-Chef liess hübsche Visualisierungen von Geschäftsvorgängen ("habe ich meine Verkaufsziele erreicht?") zeigen. Besonders eindrücklich sind die Möglichkeiten, gleich aus der BI-Oberfläche heraus auf einzelne Vorgänge in einem SAP-Systemen "hinunterzubohren". Ein Verkäufer könnte sich also nicht nur anzeigen lassen, dass er mit der Zielerfüllung im 2. Quartal im Hintertreffen liegt, sondern auch gleich im CRM-System herausfinden, welche Deals ihn seinen Zielen näher bringen könnten und wo er mit diesen Abschlüssen steht.
"Und was ist dann noch die Rolle des CIO?" Mit dieser Frage schloss Kagermann seine Keynote etwas unvermittelt. "Sie sind der Orchestrator," beruhigte er die Informatik-Leiter, die sich ob der Perspektive, dass Manager Software ohne Programmierung entwickeln sollen, wohl zu Recht einige Gedanken gemacht haben werden. (Christoph Hugenschmidt, Berlin).

Loading

Mehr zum Thema

image

Cisco: Hybrid Work funktioniert (noch) nicht

Tech-Pannen, Stress und die Frage des Vertrauens: Hybrid Work bleibt im New Normal eine grosse Herausforderung. Cisco will es richten.

publiziert am 20.6.2022
image

14 Millionen für neue Schulsoftware im Kanton Zürich

Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich beschafft für seine Berufs- und Mittelschulen eine neue Schuladministrationssoftware.

publiziert am 17.6.2022
image

BIT sucht für 42 Millionen SAP-Unterstützung

In einer Ausschreibung sucht das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) externes SAP-Know-how.

publiziert am 17.6.2022
image

Schweizer Fintech sammelt knapp 9 Millionen Franken

Das Zürcher Startup Amnis, Anbieter einer Banking-Software, hat eine Finanzierungsrunde über 8,6 Millionen Franken abgeschlossen.

publiziert am 15.6.2022