Kaspersky will zentrales RZ in die Schweiz zügeln – oder nicht?

21. März 2018, 16:23
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Auch ein Teil der Softwareentwicklung soll in die Schweiz verlegt werden. Insider der Schweizer RZ-Szene wissen allerdings von nichts.

Laut internen Dokumenten, die 'Reuters' zugespielt wurden, soll auch ein Teil der Kaspersky-Softwareentwicklung in die Schweiz verlegt werden. Insider der Schweizer RZ-Szene wissen allerdings von nichts.
Die Geschäfte des russischen Security-Softwareherstellers Kaspersky Labs leiden seit geraumer Zeit unter Spionageverdächtigungen, zum Beispielin den USA oder Litauen. Um die Verdachtsmomente zu entkräften, will Kaspersky unter anderem in Europa, den USA und Asien "Transparenzzentren" eröffnen. In diesen sollen Experten Zugang zum Quellcode der Kaspersky-Produkte erhalten, um ihn nach Hintertüren für den russischen Geheimdienst abzuklopfen.
Laut einem exklusiven Bericht der Nachrichtenagentur 'Reuters' dürfte das europäische Transparenzzentrum in der Schweiz angesiedelt werden. Die Arbeiten am Schweizer RZ sollen demnach "innert Wochen" beginnen, 2020 solle es eröffnet werden.
Die Informationen der renommierten Nachrichtenagentur tönen alle sehr konkret. Der schnellste und günstigste Weg für Kaspersky, um hierzulande ein Rechenzentrum zu eröffnen, wäre es, sich bei einem Colocation-Anbieter einzumieten. Gleich zwei Insider der Schweizer Rechenzentrumsszene haben aber gegenüber inside-channels.ch unabhängig voneinander erklärt, dass sie nichts davon gehört haben, dass einer der grösseren Schweizer RZ-Betreiber beispielsweise für eine Offerte angefragt wurden.
Vielleicht möchte also Kaspersky tatsächlich auch ein eigenes Gebäude für sein Datacenter bauen, was die beiden Insider aber bezweifeln, oder die Pläne sind doch nicht nicht ganz spruchreif.
Weit mehr als ein Transparenzzentrum
'Reuters' hat Kaspersky-interne Papiere zu Gesicht bekommen, in denen von einem "Swiss Transparency Centre" die Rede ist. Eine Quelle, die laut 'Reuters' "direkte Kenntnisse der Sachlage" hat, aber anonym bleiben wollte, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur den Inhalt der Dokumente und verriet noch einige weitere Details zu Kasperskys Plänen in der Schweiz.
Und die gehen anscheinend deutlich über die Ansiedlung eines Transparenzzentrums hinaus. Wenn Kaspersky-Software Files auf den Computern von Nutzern als Malware-verdächtig einstuft, werden diese bisher zur Analyse an das zentrale RZ des Security-Anbieters in Russland gesendet. In Zukunft sollen aber alle Files von Kaspersky-Anwendern in Europa und den USA zuerst ins Schweizer RZ geschickt werden.
Nur wenn "Anomalien" gefunden würden, die eine Beurteilung durch einen Menschen erfordern, würden die Files danach ins Moskauer RZ weitergeleitet, so der 'Reuters'-Informant. Gegenwärtig wäre dies bei etwa 0,4 Prozent der Files notwendig. Die Operationen im Schweizer RZ sollen zudem von einer unabhängigen Instanz überwacht werden. Diese solle sicherstellen, dass alle Zugriffe auf die Files signiert, gespeichert und zur Überprüfung durch Aussenseiter, zum Beispiel auch Regierungsvertreter, bereitgehalten werden.
Kaspersky wolle ausserdem auch die Abteilung, die "aus dem in Moskau geschriebenen Code Antiviren-Software baut" in die Schweiz verlegen, heisst es in dem in diesem Punkt nicht sehr klaren 'Reuters'-Artikel weiter.
Kaspersky habe für seine Pläne "solide Unterstützung" durch die Schweizer Regierung erhalten, sagte der Informant. Wer genau die Pläne unterstützt, wollte er aber nicht verraten.
Eugene beisst in den sauren Apfel
Laut den Kaspersky-Dokumenten, so 'Reuters', soll die Befürchtung, dass russische Behörden zu Spionagezwecken Datenströme in Russland abzapfen könnten, und russische Unternehmen zur Kooperation zwingen könnten, gegenstandslos gemacht werden.
Laut dem Informanten waren die Anschuldigungen gegen Kaspersky in den USA der unmittelbare Auslöser zu diesem Entschluss. Aber es gebe auch weitergehende Gründe, denn die Welt verändere sich, und es gebe "immer mehr Balkanisierung und Protektionismus."
Firmengründer Eugene Kaspersky habe die Pläne, die in den kommenden Monaten offiziell bekannt gegeben würden, abgesegnet. Glücklich sei er darüber aber nicht, denn "er würde das Geld lieber für anderes ausgeben. Aber er weiss, dass es nötig ist." (Hans Jörg Maron)

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