Krise? Das sagt der Schweizer Channel

17. Oktober 2011, 12:29
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Wie reagieren grosse und kleine Schweizer VARs auf den Trend zu Cloud Computing? Schlittern wir in eine Schweizer IT-Krise? Die Exponenten von grossen und kleinen Schweizer Solution Providers im Exklusiv-Gespräch mit inside-channels.ch.

Schweizer VARs in der zum Presseraum umfunktionierten Caféteria des Palau de Congressos de Catalunya in Barcelona. Von links nach rechts: Ignaz Andres, Ocom; Peter Vollenweider, Vollenweider EDV; Rolf Weber, Darest; Sébastien Micheloud, Cortex IT; Andrej Golob, Swisscom Workplace; Eduard P. Etter, Baltek; Peter Nyffenegger, NRS Printing Solutions; Ruth Odermatt, Arnel.
Warum sollen Channel-Medien immer nur auf die (meist schöngefärbte) Botschaft der Hersteller und Distributoren hören, haben wir uns gefragt und am Rande des Canalys Channels Forum in Barcelona Anfang Monat die anwesenden Reseller zu einem Roundtable gebeten. Das Interesse war erfreulich gross, fast alle kamen: Ruth Odermatt (Arnel Informatik), Peter Nyffenegger (NRS Printing Solutions), Eduard Etter (Baltek), Andrej Golob (Swisscom Workplace), Sébastien Micheloud (Cortex IT), Rolf Weber (Darest), Peter Vollenweider (Vollenweider EDV) und Ignaz Andres (Ocom).
Anzeichen der Krise: Budget-Stopps und mehr
Top-Berater und Canalys-Gründer Steve Brazier sagte in der Eröffnungsrede zum Forum, es bestehe eine gewisse Wahrscheinlichkeit (25 Prozent) einer schweren Krise der IT-Branche und rief die anwesenden VARs dazu auf, zusammen mit dem Verwaltungsrat ein Krisenszenario zu erarbeiten. Unsere Frage an die Schweizer VARs: Haben Sie einen Krisenplan in der Schublade (und wenn ja, welchen)?
Wir beobachten die Lage vorsichtig, merken zur Zeit aber noch nichts von einer Krise", sagte Ruth Odermatt und sprach damit wohl allen Anwesenden aus dem Herzen. 2012 könnte zwar "ein bisschen härter" werden, doch glaubt Odermatt nicht an eine totale Krise. Sie sei sich aber bewusst, dass es in ihrer Firma durchaus kritische Punkte, sprich Kunden mit grossem Umsatzanteil, gebe. "Da haben wir ein Notfallszenario", so die erfahrene Unternehmerin.
Wenig überrachend sehen sowohl der Printing-Spezialist Peter Nyffenegger wie auch der Basler Eduard Etter die Gefahr vor allem bei der Exportindustrie, die unter dem starken Franken leidet. Für Nyffenegger könnte der massive Spardruck sogar zum Vorteil werden, da Managed Printing Services kostensenkend wirken können. Der Chef des Basler VARs Baltek hingegen warnt: "Ich schätze die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Krise sogar für höher als die von Brazier genannten 25 Prozent ein und ich plane vorsichtig. Aber die Kunden wollen ihre Informatik ausdünnen und werden allenfalls Cloud-Dienstleistungen beschaffen wollen."
Auch Andrej Golob, der erst kürzlich vom Hersteller HP zum Outsourcer Swisscom wechselte will die Lage nicht schönreden: "Wir spüren einen gewissen Druck. Projekte wie etwa die Migration von Windows XP auf Windows 7 werden noch einmal verschoben. Doch eine Krise kann für uns auch zu einem Vorteil werden, da Kunden eher bereit sind, ihre IT-Strategie zu überdenken. Dies trifft auch für Sébastian Micheloud, dessen Firma Cortex auf Virtualisierungslösungen spezialisiert ist, zu: "Seit zwei bis drei Monaten treffen wir Budget-Stopps bei den Kunden an. Für uns hat dies aber eine Steigerung der Nachfrage gerade bei kleineren Projekten zwischen 10'000 und 100'000 Franken zur Folge."
Rolf Weber vom grossen Hardware-Händler Darest sieht zwar ebenfalls harte Zeiten auf den Schweizer Channel zukommen, doch er glaubt, dass Darest davon profitieren könnte. "Es gibt viele Firmen, die seit Jahren kaum Geld verdienen und manche werden verschwinden. In einem Krisenjahr werden Firmen mit einem guten Cash Flow eher profitieren," so Weber.
Wiederum etwas anders präsentiert sich die Situation für Peter Vollenweider und Ignaz Andres, deren Firmen ein breites Spektrum von KMU bedienen. Vollenweider: "Mit der Krise werden Qualität und die Investition in Ausbildung wieder wichtiger." Wenig Sorgen macht sich der Walliser Andres: "Wir bedienen Firmen bis hin zu Kleinstfirmen und Privaten. Die haben alle noch volle Auftragsbücher", so der bekannte Walliser IT-Händler.
Cloud Computing: Heute schon Realität
Cloud Computing ist kein aus den USA getriebener Marketing-Hype der Anbieter mehr, sondern wird auch von Schweizer KMU immer öfter als Alternative zur bisherigen Beschaffung von Informatik-Ressourcen angesehen. "Wir verkaufen nicht weniger Server wegen Cloud Computing" sagte zwar Darest-Mann Weber auf unsere Frage, nach dem Interesse für Cloud-Services. Trotzdem arbeitet auch Darest mit den grossen Cloud-Anbietern zusammen.
"Wir haben dieses Jahr gerade im ERP-Umfeld vermehrt Offerten für Cloud-Dienstleistungen gemacht", erzählt Vollenweider. Und auch Ocom bietet Business-Software "aus der Wolke" an. Doch Andres relativiert: "Beim Kunden bleibt immer eine Hybrid-Struktur. Und Cloud Computing ist für Mikrounternehmen keine Option."
Cloud Computing ist hingegen ein zentrales Thema für Cortex. Micheloud: "Wir haben im laufenden Jahr über 10 RfP (Offertanfragen) für Cloud Services beantwortet." Die Nachfrage kommt gerade auch von sehr grossen Firmen, die ihre Daten auf keinen Fall US-Firmen übergeben wollen. Ins gleiche Horn bläst Swisscom: "Die Schweizer Gesetzgebung ist für uns ein strategischer Vorteil," so Golob, der ein ständiges Wachstum der Nachfrage nach Cloud Services wie etwa Hosted Exchange konstatiert.
"Auch schon Office365-Projekte gemacht"
"Cloud Computing ist seit Jahren kein Marketing-Hype mehr sondern Realität," betont Etter, der seinen Kunden beispielsweise Hosted Exchange und Business Communication von Swisscom anbietet. "Firmen, die mit Small Business Server gearbeitet haben, wollen diesen nicht mehr selber betreiben. Allerdings wollen sie die Daten weiterhin in ihrem eigenen Netz speichern.", sagt Etter. Ausserdem würde auch die Nachfrage nach kleinen "Private Clouds" (virtualisierte Infrastrukturen, in denen Ressourcen dynamisch zugeteilt werden) wachsen.
Etwas zurückhaltender ist Ruth Odermatt. "Gerade kleinere Firmen wollen heute über Cloud Computing sprechen, bleiben aber dann bei herkömmlichenen Prinzipien. Aber wir haben auch schon Office365-Projekte gemacht." Sie glaubt, dass es noch zwei bis drei Jahre gehen wird, bis das Konzept Cloud Computing wirklich im Markt angekommen ist. "Kleinfirmen gefällt es heute noch, den Server selbst zu betreiben, denn so können sie auch arbeiten, wenn die Internet-Verbindungen ausgefallen sind."
Überleben in Zeiten des Cloud Computings
Heute versucht Microsoft mit grosser Energie, den Channel für den Vertrieb der Cloud-Lösung Office365 zu gewinnen. Doch was soll die Redmonder daran hindern, den Wiederverkaufskanal auszuschalten, wenn die Kundenbeziehungen einmal etabliert sind? Und wie - so fragten wir unser Roundtable - gedenken Schweizer Solution Provider mit Cloud Computing Geld zu verdienen?
Ruth Odermatts Antwort stiess auf breite Zustimmung: "Wir können ja auch vom Hardwarehandel und vom Geschäft mit Microsoft-Lizenzen nicht mehr leben, sondern wir leben von unseren Dienstleistungen. Der Kunde wird die Betreuung durch uns auch in Zukunft brauchen, auch wenn er Cloud Computing bezieht. Es werden nicht alle Kunden alles in der Cloud haben. Für die lokalen Anwendungen werden wir weiterhin zuständig sein."
Kleine Dienstleister seien bei KMU gegenüber den Herstellern immer noch im Vorteil, wenn es darum geht, Standard-Lösungen anzupassen, sagt Etter. Zudem werde auch die PC-Infrastruktur zu erneuern sein, beispielsweise durch Tablet-PCs. "Baltek wird verstärkt zu einer Service-Firma werden und der Handel mit Clients und Software wird abnehmen. Aber wir hoffen, dass wir weiterhin EMC-Storage, HP-Server und VMware-Software in den Markt bringen können."
Swisscom: "Wir werden mit Apple Geld verdienen"
Auch in Zukunft wird Swisscom Workplace Geld mit Printing- und Client-Infrastrukturen, die immer öfter virtualisiert sind, verdienen, ist Golob überzeugt. "Und wir werden als einziger von Apple anerkannter Systemintegrator Geld mit Apple verdienen. Unser Fokus liegt eher auf der Service-Seite, so App-Stores und App-Entwicklung für Kunden wie Avaloq, Finnova oder SAP", erklärt Golob.
"Service, Service, Service" ist das Stichwort der Zukunft für den Virtualisierungsspezialisten Micheloud. Ganz anders sieht die Welt für Darest aus: "Wir verdienen immer noch genug Geld mit dem Verkauf von Hardware", sagt Weber. Darest sei eben eher ein Distributor als ein Ingenieurbüro. "In den nächsten Jahren wird es mit Hardware-Handel immer noch Geschäfte geben. Doch VMware und Citrix werden vermehrt zu Themen."
Ganz anders sieht die Welt für den kleinen Winterthurer IT-Dienstleister Vollenweider EDV aus: "Die Hardwarge-Marge sinkt bei gleichem Volumen seit Jahren. Also müssen wir Dienstleistungsumsätze steigern. KMU-Kunden verstehen das und sind bereit, Dienstleistungen zu bezahlen."
Sehr gelassen schaut Andres in die Zukunft. Seine KMU- und Privatkunden im Oberwallis würden auch in Zukunft neue PCs, neue Server oder Business-Software-Lösungen brauchen. Kleinere Firmen würden vielleicht eher Cloud-Lösungen wollen, während bei grösseren Firmen auch weiterhin Server zu installieren sind, glaubt Andres: "KMU brauchen auch in Zukunft einen Stromer, einen Maler und halt auch einen IT-Dienstleister." (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)
(Photo: Schweizer VARs in der zum Presseraum umfunktionierten Caféteria des Palau de Congressos de Catalunya in Barcelona. Von links nach rechts: Ignaz Andres, Ocom; Peter Vollenweider, Vollenweider EDV; Rolf Weber, Darest; Sébastien Micheloud, Cortex IT; Andrej Golob, Swisscom Workplace; Eduard P. Etter, Baltek; Peter Nyffenegger, NRS Printing Solutions; Ruth Odermatt, Arnel.)

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