Lehren aus dem SAP-EWZ-Debakel

27. Mai 2005, 09:35
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Alles andere als "in time, in budget"

Alles andere als "in time, in budget"
Im Frühjahr 1997 beschloss die Geschäftsleitung des Stadtzürcher Elektrizitätswerks (EWZ) ein Vorprojekt zur Einführung von SAP R/3 zu lancieren. Fünf Jahre später ging das SAP-Modul für Werke (IS-U) beim EWZ live und führte gleich zu massiven Problemen. Umzugs-Daten konnten wegen Überlastung der EWZ-Mitarbeitenden nicht nachgeführt werden und das EWZ sah sich ausserstande, Mahnungen zu verschicken und Ausstände einzutreiben. Dies kostete die Zürcher immerhin 750'000 Franken, wie aus der Antwort des Stadtrates auf eine Anfrage aus dem Gemeinderat hervorgeht.
Gemeinderat Niklaus Scherr hatte die Interpelation mit 16 kritischen Fragen am 23. Oktober 2002 eingereicht. Die Fragen scheinen der Zürcher Stadtregierung einiges Kopfzerbrechen bereitet zu haben. Es dauerte immerhin 6 Monate bis die Antwort kam und zweieinhalb Jahre (!) bis sich der Zürcher Gemeinderat mit ihnen beschäftigte.
Während Privatfirmen Informationen über gescheiterte Software-Projekte gerne wie Staatsgeheimnisse hüten, ist das EWZ gegenüber dem Parlament zu Auskünften verpflichtet. Und diese haben es in sich. So lief der Projektleiter mitten in der Einführungsphase des Branchenmoduls dem EWZ davon und machte sich selbständig. Dem Zürcher Stromern blieb nichts anderes übrig, als den nunmehr "privatisierten" Projektleiter als Berater zu Tagessätzen von immerhin 1'800 Franken zu verpflichten. Der Leiter eines Teilprojektes ging zu SAP selbst und kostete das EWZ dann 1'900 Franken pro Tag. Und das Beraterteam von CSC gründete während des Projekts die Abilita. Auch dieses musste vom EWZ zwangsläufig engagiert werden. So kam es, wie es kommen musste. Mitten während der Einführung des SAP-Branchenmoduls musste das EWZ den bewilligten Kredit von 6,3 auf 9,5 Millionen Franken erhöhen - bezahlt wurden zum Schluss dann 11,1 Millionen.
Probleme soweit das Auge reicht
Die 10-seitige Antwort des Zürcher Stadtrats auf die Anfrage von Scherr sei allen, die grössere Software-Projekte planen, zu Lektüre empfohlen. Das EWZ scheint in ungefähr alle existierenden Fallen eines grösseren Informatikprojektes getappt zu sein. Einige Beispiele: Das SAP-Modul IS-U enthielt nicht oder falsch dokumentierte Funktionen. Das EWZ änderte im laufenden Projekt die interne Struktur und man hat offensichtlich die Leistungen der beigezogenen Berater von CSC nicht richtig definiert. Überhaupt scheint die Stadt Zürich nicht wirklich glücklich mit CSC geworden zu sein. So heisst es in der Antwort: "Der Zugriff auf SAP-Spezialisten bei Problemen war und ist sehr mühsam, die SAP-Entwickler sind für den Einsatz in Projekten nicht erreichbar." Der Zürcher Gemeinderat hat die Antwort des Stadtrats genehmigt. Das "EDV-Debakel" (Scherr) hat keine personellen Konsequenzen und das EWZ bleibt bei der SAP-Lösung. Interpellation und Antwort des Stadtrates finden sich (dank dem neuen Ratsinformationssystem von 1eEurope...) hier. (Christoph Hugenschmidt)

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