Leider Ja

14. Februar 2014, 16:51
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.

Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.
Früher war alles gut. Es gab Platz im Zug und die Berge waren unverbaut. Bauarbeiter waren da, wo sie hingehörten, nämlich in Baracken, und wenn sie verunfallten und invalid geworden waren oder die Konjunktur schlecht war, warf man sie wieder raus. Der Staat und Grossfirmen boten für Kader sichere Stellen und gute Pensionskassen als Gegenleistung für unbedingte Treue zum Glauben an Willhelm-Tell-Märchen und das Menschenrecht Bankgeheimnis. Karriere machte man zusammen mit den Seilschaften aus Militärdienst, Pfadi oder Fasnachtscliquen und der Staatsschutz sorgte dafür, dass niemand mit der falschen Gesinnung eine Stelle bei der Uni Zürich oder dem Schweizer Farbfernsehen erhielt.
Im Berufsleben wichtig war, es sich nicht mit dem Vorgesetzten zu verderben, Konkurrenz durch Frauen oder gar Tüütsche war wenig zu fürchten, denn die einen hatten am Herd zu tun und die anderen blieben ganz gerne auf der anderen Seite des Rheins, denn das sich jährlich wiederholende demütigenden Verfahren zur Verlängerung der Jahresaufenthaltsbewilligung tat sich nur an, wer unbedingt musste.
Früher war alles gut für Informatiker. Es gab keine und so reichten Talent und/oder Fleiss und/oder Intelligenz und ein Schweizer Pass, um einer zu sein. Dann war man auf dem Arbeitsmarkt begehrt und konnte wählen, ob man lieber bei der Grossbank, beim Staat, bei der Chemie- oder Maschinenindustrie oder doch beim US-Multi arbeiten wollte und sich ansonsten um den Bau des Einfamilienhauses an der noch unverbauten Sonnenseite im autobahnnahen Dorf kümmern. Weder die Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer hatten Zeit und Lust, sich um Weiterbildung zu kümmern, denn man hatte mehr zu tun, als man schaffen konnte und da war ja auch noch das Haus an der Sonnenseite.
Dann wurde es schwierig. Die Mauer fiel, EU und Euro kamen, die Wirtschaft boomte und wurde hektischer, man brauchte IT und noch mehr IT, die Banken lagerten die Entwicklung nach Indien aus, an Tell und das Bankgeheimnis zu glauben, genügte nicht mehr für eine lebenslange Jobgarantie, fleissige junge Tüütsche kamen und besetzten Informatiker-Stellen, den Sitzplatz im Zug, die Wohnung im Kreis 5 und den geliebten Fensterplatz in der Beiz.
Zwar eine Minderheit, aber trotzdem überraschend viele der TeilnehmerInnen an unserer Leser-Umfrage zum Ja vom letzten Sonntag hoffen, die gute alte Zeit käme zurück. Einer schreibt, er habe als Schweizer Unternehmer mit Schweizer Mitarbeitern nun bessere Chancen gegen ausländische Billig-Anbieter, ein anderer sagt, er werde nicht um seine Arbeit bangen müssen, weil der (günstige) Deutsche nicht mehr eingeflogen wird und ein Dritter glaubt, es würden wieder mehr Quereinsteiger eingestellt.
Das alles wird nicht eintreffen - im Gegenteil. Der Druck zur Auslagerung des IT-Produktionsstandorts wird massiv zunehmen. Wer Software herstellt, wird gute EntwicklerInnen, Requirement-Engineers und TesterInnen brauchen - die Farbe des Passes des Programmierers macht Software nicht besser. Findet man diese Leute nicht, wird man - noch mehr als bereits heute - ins Ausland gehen müssen. Schrumpft die lokale IT-Industrie, so wird der eben erst entstehende Startup-Hype zum Erliegen kommen - das zarte Wirtschafts-Pflänzchen Software-Produktion wird verdursten.
Nimmt mich ja Wunder, wem man dafür dann die Schuld geben wird. Den Chinesen? (Christoph Hugenschmidt)

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