Leider Nein (besorgte Folge)

22. November 2013, 16:49
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

"Schreiben Sie doch auch mal positive Nachrichten!", sagten Sie mir am letzten Apéro riche in Dübendorf - oder war es Luzern? Ich solle doch bittesehr "nicht immer nur negative Storys" bringen. Ha! Wenn Sie wüssten! Sie mögen nämlich positive Storys gar nicht, sondern Sie haben es viel viel lieber, wenn wir von Blut und Untergang, von Konkursen und Diebstählen, Korruption und an die Wand gefahrenen Projekten, von entlassenen Programmierern und todgeweihten Abteilungen schreiben. Am meisten mögen Sie es, wenn wir Ihnen Angst machen. Jetzt nicht heucheln - unser Traffic-Analyse-Tool weiss gar nicht, wie lügen geht und hat Sie entlarvt.
Doch das mit dem Angstmachen ist gar nicht so einfach, denn so viele schreckenerregende, haareaufstellende Geschichten, wie Sie gerne hätten, gibt es nicht. Gut, dass es die besorgten Experten gibt. So einen finden Sie zu jedem Thema, denn wer dem verzweifelt nach Gefahr suchenden Journalisten genug Besorgtheit signalisiert, kommt in die Medien und wer will das nicht? "Einsam: Fachleute besorgt: Jeder siebte Bergler säuft" weiss 20 Minuten, die "Lehrer der Lehrer sind besorgt" (Basellandschaftliche Zeitung), der "Waldwirtschaftsverband ist" (natürlich im Walliser Boten) "besorgt" und "EU-Parlamentarier sind allerdings" (im Tagi) "besorgt". Praktisch sind auch Sicherheits-, Erdbeben-, Erziehungs-, Klima-, Ernährungs- und Computerexperten, die wahlweise nicht nur besorgt, sondern auch empört, entsetzt, vor den Kopf gestossen oder schockiert sind. Die Story, dass CSC nicht nur für den Bund, sondern auch für den US-Sicherheitsapparat arbeitet (wenn's nur die wären ...), wäre nichts ohne einen unabhängigen Security-Experten, der dem Artikel die Würze gibt: "fahrlässig!", "naiv!", "besorgt!".
Wer keinen Experten findet, der sollte wenigstens etwas Gruseliges herprügeln, sonst wird das nichts mit den Klicks. Urin funktioniert recht gut: "Fabrikneue Laptops stinken nach Katzenurin" enthüllte 20 Minuten, "Roboter der Zukunft mit Urin angetrieben" und "Neue Zähne aus Urin könnten Wirklichkeit werden" wusste unsere Lieblingsquelle pte. Gefährliche Tiere gehen auch - wetten, dass diese Storys mit Lamas oder roten Pandas gar nie stattgefunden hätten: "Zoo Basel startet Training mit Australien-Krokodile" und: "Krebs: Nacktmull könnte neue Therapie liefern" erzählten sda und pte.
Sie haben keine Fäkalien zur Hand und auch Nacktmulle, Krokodile oder Vogelspinnen sind nicht in Sicht? Warum versuchen Sie es nicht mit ein bisschen Krieg? "App-Krieg: China läuft Amerika den Rang ab", "Sandberg führt Krieg gegen blecherne Hintergrundmusik", "Telefondaten zeigen: Matriarchat im Vormarsch". Wir fragen uns: Wird das marschierende Matriarchat von einer Kapelle begleitet? Und was spielt die? (Christoph Hugenschmidt)

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