Leider Nein (Die Folge mit Schimpfis)

10. Juni 2011, 16:06
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
Die Schweizer IT-Branche schafft es nicht, genügend junge Leute zum Einstieg über Uni, Lehre oder Fachhochschule zu motivieren und gefährdet sich damit nicht nur selbst, sondern auch den Erhalt des hohen Lebensstandards der Schweiz.
Die Erkenntnis ist keineswegs neu und wurde an dieser Stelle immer wieder mal herausposaunt. Wir und unsere Gesprächspartner haben das schlechte Image der Informatik bei der Jugend und die Attraktivität unserer Branche gelobt.
Doch wer ist schuld daran, dass Jugendliche lieber Journalismus, Soziologie und Politikwissenschaften als Software-Engineering, Projektmanagement oder IT-Architektur studieren oder lieber bei der Bank eine kaufmännische Lehre machen, als (bei derselben Bank) lernen, wie man komplexe Computersysteme und Netzwerke baut und am Leben erhält? Ist es Technikfeindlichkeit und Denkfaulheit? Fehlt uns - verglichen mit den optimistischen und fleissigen Asiaten - einfach Biss, Ehrgeiz und Fortschrittsglaube? Ist es die Verweiblichung der Primarschule? Oder war es der Entscheid der 1980er Jahre, in den Schweizer Mittelschulen die naturwissenschaftlichen Fächer abzuwerten und Sprachen und Gesellschaftswissenschaften aufzuwerten?
Wer also ist schuld am sich abzeichnenden Desaster einer eigentlich hoffnungsvollen Industrie? Die Politik? Die Gesellschaft? Die Postmoderne?
Die Antwort auf die Frage ist leicht zu finden, aber unangenehm: Die Schweizer IT-Industrie ist selber schuld! Sie glauben mir nicht? Dann lesen Sie doch mal die 98 Kommentare - viele davon von IT-Professionals -, die auf Roger Zedis Interview mit ETH-Professor Juraj Hromkovic auf Tages-Anzeiger Online gepostet wurden. Die Kommentierenden berichten von Stress, Reallohnverlust, Angst vor Arbeitsverlust wegen Outsourcing und Verlagerung der Stellen in Billiglohnländer, schwaches Management, wenig Anerkennung, Nacht- und Wochenendschichten und Burnout: "Als Hobby macht es Spass, als Beruf geht man kaputt."
Die Branche kann Nachwuchsförderung betreiben, in der Politik lobbyieren, Verbände fusionieren und an marktgerechteren Ausbildungsprofilen basteln, bis sie grün und blau ist. Es wird nichts nützen, solange die Informatiker selbst ihren Kindern von einer IT-Berufsausbildung abraten. "Ehrlich gesagt, habe ich meinen Nachwuchs auch von der IT-Welt abgeraten," schreibt da beispielsweise ein Fachmann. Ein anderer: "Als Wirtschaftsinformatiker würde ich keinem anraten, diesen Job zu wählen. Ab Mitte 40 bekommt man keine Stelle mehr. Die Ausrichtungen und Spezialisierungen wechseln wie in der Modewelt. Alle klagen, sie finden keine Spezialisten, sind aber nicht bereit diese auch auszubilden. Die Weiterbildung fällt dann unter private Aufwände."
Wenn unsere Branche ihre Zukunft als Industrie am Werkplatz Schweiz sichern will, so wird sie nicht darum herum kommen, die Arbeitsbedingungen endlich zu modernisieren. Teilzeitarbeit muss möglich sein und Projekte müssen so gut gemanaged sein, dass Überstunden- und Stressorgien ausbleiben. Vor allem aber muss die Branche endlich vom Jugendkult wegkommen. Permanente Weiterbildung muss angesichts der kurzen Halbwertszeit von Wissen und Know-How und dem permanenten Trend hin zu Automatisierung oder Auslagerung bestimmter Jobs zum (bezahlten) Teil jedes IT-Jobs werden. Dann wird man Jugendlichen ohne schlechtes Gewissen eine Karriere in der IT-Branche empfehlen können. (Christoph Hugenschmidt)

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