Leider Nein (drohende Folge)

20. Mai 2011, 15:18
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Es gibt Ereignisse, die finden nur in den Medien statt - sozusagen potemkinsche Events. War es 1787 Reichsfürst Grigori Potjomkin, der zwecks Beeindruckung seiner Zarin Katharina (Nr. 2) schöne, saubere, reiche Dörfer aus Holzkulissen an den Strassen aufstellte, so sind es heute die PR-Maschinen der Konzerne, die mit Hilfe willfähriger und fauler Medienschaffender ein wichtiges und schönes und tolles Ereignis verkünden, das gar nicht stattgefunden hat (oder mindestens nicht wichtig und schön und toll).
So ein potemkinscher Event war gestern der "nationale Home Office Day" aus den PR-Küchen von Microsoft, SBB und Swisscom, an dem "Hunderte von Mitarbeitenden ihre Erfahrungen und Eindrücke über verschiedene Social-Media-Kanäle geteilt" haben und dank dem - welch schön angemalte Holzkulisse - aufgrund "wegfallender Pendlerzeiten 908 Tage gewonnen" wurden, wie wir der Medienmitteilung mit dem Titel "Erfolgreicher zweiter nationaler Home Office Day" entnommen haben. Aber hat dieser 1. August der Telekommunikationsanbieter auch wirklich stattgefunden? Waren die Autobahnen und S-Bahnen leer? Mitnichten! Und warum nur, warum lautete der Hashtag (eine Art Stichwort, mit denen man Tweets findbar machen kann) #hod11? Ist das etwa, weil STOPP! SOLCHE SACHEN SCHREIBEN WIR NICHT!
Auch ziemlich potemkinsch war die Lancierung der neuen Webseite der SBB vorgestern, bei der es Gipfeli, Kaffee, Orangenjus, Gipfeli, Radio-, TV-, Internet- und Papier-Journalisten, Blogger und Twitterer, aber keine neue SBB-Webseite gab. Das ist aber den Radio-, TV-, Internet- und Papier-Journalisten, Bloggern und Twitterern nicht aufgefallen - sie haben brav über die Tölle der neuen, Social-Media-artigen Webseite geschrieben, geredet, gefilmt, getwittert und gebloggt und vergassen vor lauter Begeisterung zu fragen, warum die Site nicht da ist und was das Nicht-Da-Sein denn so gekostet hat. Ausser STOPP - EIGENLOB STINKT!
Nicht da sein sollte auch ein uralter und völlig bedeutungsloser Artikel, in dem wir auf dreieinhalb Zeilen vom Wechsel einer Marketing-Person von der einen zur anderen Firma rapportiert haben. Nicht da sein sollte das Artikeli, weil uns die Firma WEBKILLER.DE WIR SCHÜTZEN IHRE DATEN, respektive die Firma CLICKONMEDIA (haftungsbeschränkt) aus Unterthingau per Fax ("Geben Sie bei Rückantworten stets das Aktenzeichen an!") dazu auffordert, "die Seite zu entfernen oder zumindest seinen vollen Namen dort nicht mehr zu nennen." WEBKILLER-DE ist ungeheuer lieb und droht fast gar nicht: "Allerdings steht es unserem Kunden ggf. frei, sich an unsere Kooperationskanzlei zu wenden und sich rechtlich vertreten zu lassen".
Gäbe es nicht die haftungsbeschränkte Firma aus Unterthingau STOPP! WIR MACHEN KEINE DEUTSCHEN-WITZE! so wären wir doch nie und nimmer darauf gekommen, dass sich irgendjemand doch tatsächlich und jederzeit einen (deutschen) Anwalt nehmen könnte, der uns einen Brief schreiben könnte. Boaaah! Wir schlottern vor Angst, oh haftungsbeschränkte Firma aus Unterthingau und werden künftig jeden Artikel vor der Veröffentlichung nach Unterthingau senden, um nachzufragen, ob er nicht amäng dazu führen könne, dass er eine Person verärgere, die sich dann an WEBKILLER.DE wendet, die uns dann wiederum für läppische "29,90 € (inkl. 19 % MwSt.!)" ein E-Mail, dann einen Fax und dann noch einen Fax schickt.
Was wir noch fragen wollten, liebe haftungsbeschränkte Firma in U.: "Gibt es eigentlich auch ein Oberthingau?" (Christoph Hugenschmidt)

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