Leider Nein (ernste Folge)

6. Dezember 2013, 16:52
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch eine Freitagabend-Nachricht.

Kennen Sie das Prinzip der Self-Fulfilling Prophecy? Es funktioniert fast immer. Die Schweizer IT-Branche zum Beispiel, beklagt seit langem und lauthals, dass Frauen nicht Informatikerinnen oder Software-Ingenieurinnen sein oder werden wollen. Und hat dann nichts Besseres zu tun, als unsere Kollegin von Burg bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu fragen, ob es für sie denn nicht schlimm sei, mit so viel technischen Zeugs zu tun zu haben, sie zu bemitleiden, dass sie beruflich immer nur mit Männern zu tun habe, sie sowieso gar nicht erst ernst zu nehmen und wenn, dann ihren "Mut" zu bewundern, dass sie sich auf so etwas Absurdes wie die Berichterstattung über Informationstechnologie einzulassen. Hallo Branche! Willst du nun mit Frauen zu tun haben oder nicht?
Wenig nützlich scheint uns auch die ewig gleiche Behauptung, Frauen seien halt (nur) in der Kommunikation gut und - momol - diese Fähigkeit ("soft skill") sei auch in der Informatik zu gebrauchen: "Girls’ Day: In der IT sind weibliche Stärken gefragt. Darmstädter Softwareunternehmen sieht in der IT-Branche neben persönlichen Interessen vor allem Soft Skill "Kommunikation" gefordert," schrieb uns vor einiger Zeit die PR-Firma einer Software-Bude und produzierte damit wieder einmal eine "Self-Fulfilling Prophecy".
Sie dürfen übrigens auch die Nicht-Frauen unserer Redaktion ernst nehmen. Als Sie uns dieses da gesandt hatten, fühlten wir uns irgendwie nicht so ernst genommen: "NovaStor versteigert Micaela Schäfers CeBIT Outfit für den guten Zweck".
Und auch bei dieser Einladung wohlgemerkt nach Solothurn fragten wir uns, ob wirklich wir gemeint sind: "Herbstzeit ist Oktoberfest-Zeit und da wird mal anders als gewohnt gefeiert. Die Partyband Freibier vom Bodensee wird an diesem Abend für eine gute Stimmung sorgen und uns sicher bestens unterhalten. Bringen Sie also gute Laune mit! Wer Lust hat, darf selbstverständlich auch im Dirndl oder in der Lederhos‘n erscheinen."
Auch fühlen wir uns nicht so richtig ernst genommen, wenn Sie uns eine Einladung - sagen wir zur für uns doch eher belanglosen Präsentation eines neuen Telefons - senden ("Da die Anzahl der Plätze limitiert ist, bitten wir Sie um eine möglichst rasche Rückmeldung"), unsere sofortige und höfliche Abmeldung per E-Mail ignoriert habend drei Tage später anrufen und fragen, ob wir die Einladung bekommen hätten, auch diese Antwort ignorierend danach noch eine Mail ("REMINDER") senden und auf unsere schon nicht mehr ganz so zuckersüss-höfliche erneute Antwort und Bitte, unsere Antworten doch bitte zur Kenntnis zu nehmen, nochmal eine Mail senden, die mit "Guten Tag Herr Manzetti," beginnt. Liebe PR-Firma H. aus M., wo Lederhos'n so häufig sind, wie früher deutsche Zahnärzte mit Köfferli in der Zürcher Bahnhofstrasse: Weder Herr Manzetti noch Frau Minelli arbeiten bei uns und wenn sie es täten, so wollten sie das neue Telefon nicht anschauen gehen, wie wir ihnen schon gefühlte 20 Mal mitgeteilt haben.
Auch bei dieser Art von Mails fragen wir uns, ob wir gemeint sind: "Sehr geehrte Damen und Herren. Anbei erhalten Sie eine wichtige Medienmitteilung der CASSARIUS AG. Darf ich Sie bitten, diese morgen in Ihrem Medium zu publizieren?" Sie dürfen nicht und wenn Sie uns auch nur ein bisschen ernst nehmen würden, so wüssten Sie das.
Bei dieser Mail fühlten wir uns schon viel eher angesprochen: "Ich habe einen gegenseitigen Geschäftsbeziehungen Vorschlag von gemeinsamem Interesse mit Ihnen teilen; Es beinhaltet den Transfer einer grossen Geldsumme. Ich habe Ihren Hinweis in meine Suche nach jemandem, der mir vorgeschlagenen Geschäftsbeziehung passt. wenn Sie sind an einer Zusammenarbeit mit mir interessiert sind, kontaktieren Sie mich durch meine Private E-Mail ([email protected]) für weitere Details, Ihre früheste Reaktion auf dieses Schreiben wird geschätzt." Wenigstens einer nimmt uns ernst! (Christoph Hugenschmidt)

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