Leider Nein (essbare Folge)

28. März 2014, 16:25
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Während wir uns in dieser Kolumne oft mit Themen wie Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung beschäftigen, widmen wir uns zur Abwechslung den tieferen Ebenen der Maslow’schen Bedürfnispyramide: der Ernährung.
Glücklicherweise können wir heute weitgehend wählen, welche Nährstoffe wir unserem Körper zuführen. Was auf den ersten Blick einfach scheint, wird zusehend komplizierter. Unter dem Namen "Sentience" fordert zum Beispiel ein Projekt einer Denkfabrik für "Humanismus, Rationalität und den Brückenschlag von Wissenschaft und Gesellschaft", dass in den Verwaltungs-Kantinen der Kantone Basel-Stadt und Bern mit mehr als einem Menü im Angebot, eines davon vegan sein soll. Wir wollen dazu keine Wertung abgeben, da die Beurteilung von Ökologie und Ökonomie im Zusammenhang mit Ernährung, weil auf Bewertungen beruhend, schwierig ist und typischerweise immer zu einem Shi.. äh, einem Nährstoffsturm in den Kommentaren führt. In den Sturm wollen wir nicht hineingeraten, es ist uns nur aufgefallen, weil der Brückenschlag vom Englischen "Sentience" ins Deutsche (Empfindungsfähigkeit) bei uns schon nicht funktioniert hat.
Apropos Nährstoffausstoss: Wissen Sie, ob der Schliessmuskel einer Kuh undicht sein kann? Na? Wir auch nicht, aber offenbar ist das eine häufige Frage, deren Antwort man im Internet sucht. So zumindest macht uns das Berliner Unternehmen "SeiSmart.de" weis und will damit bei den Jugendlichen die "entstandene 'Dr. Sommer'-Lücke schliessen". Wir meinen: #Chamemache! Das meinen wir auch zur Einladung der SBB, die uns "einen Einblick in diese neuen WC-Welten" geben und uns "Informationen zum laufenden Ausrüstungsprogramm sowie zu den umweltfreundlichen Bioreaktoren der Toilettenlagen" vermitteln möchten. Konnten wir dazu Nein sagen? Ja!
Stattdessen wollen wir uns hier damit beschäftigen, welche Nahrungsempfehlungen der Redaktion einer technisch orientierten Online-Zeitung zugetragen werden. SAP berichtet zum Beispiel, dass sie ihre "Unterstützung im Schwingsport" verstärkt, indirekt also den Verzehr von Bratwürsten fördert – die sich im Schwingsport bekanntlich immer noch grösserer Beliebtheit erfreuen als das Quorn-Steak. Neu unterstützt SAP "nach dem Schwingerkönig Arnold 'Nöldi' Forrer nun auch Niklaus 'Chlöisu' Zenger" und vertieft damit "das Engagement in der Schweiz und verbindet Innovation mit Tradition.". Ganz in die Welt des Schwingsports scheint der Software-Konzern dabei noch nicht eingetaucht zu sein, sonst hätte er bei der Nennung den Nachnamen vor den Vornamen gestellt.
Schwingen ist sowieso in. So wurde uns zugetragen, dass der Schweizer Teigwarenhersteller "Bschüssig" neu mit dem Schwingerkönig Sempach Matthias wirbt. Dieser freut sich sehr: "Die Schweizer Bschüssig-Eierteigwaren mit 100 Prozent einheimischen Freilandeiern entsprechen genau meinem Geschmack". Übrigens: Das geübte Auge erkennt auf dem Foto (siehe oben), dass der Fokus auf "Bschüssig" und nicht etwa beim Eierliebhaber liegt sowie die dekorative aber leider ungeniessbare Birkenfeige im Hintergrund. Traditionen sind sowieso etwas Schwieriges. Dachten wir bisher immer, dass wir Schweizer die Schokolade erfunden haben. Aber nein, "wer hät's erfunde?" – die Maya! So lässt uns auf alle Fälle nicht etwa Erich von Däniken, sondern Pressetext glauben, die titeln: "Alte Maya liebten Schokolade" und, halten Sie sich fest, "mit Fleisch".
Bisher bestand unser Informationsmenü nur aus Karnivorem und wir suchten – zugegeben etwas krampfhaft – weiter nach Nachrichten zu veganen Energiebringern. Tatsächlich haben Forscher der Tianjin Medical University herausgefunden, dass "diejenigen, die zwei bis sechs Mal pro Woche Tomaten assen, hatten um 46 Prozent ein geringeres Risiko an einer Depression zu erkranken als diejenigen, die sie seltener als einmal wöchentlich zu sich nahmen." Sofort haben wir unseren Vorrat an roten Nachtschattengewächsen aufgestockt, Tomatensaft und Minestrone geschlürft in der Hoffnung, unserer Depressionen, die gewisse Medienmitteilungen bei uns auslösen, Herr zu werden – und erst noch vegan. Aber wie das jeweilen so ist, führt eine Aktion zur Reaktion. Fruchtfliegen bejubelten unsere Massnahme mit einer Fruchtbarkeit, die uns staunen liess. Die war auch nicht ohne, denn britische Forscher um Penelope R. Haddrill nahmen genau deren Reproduktion unter die Lupe und gipfelte mit der Schlagzeile "Sex erhöht Überlebenschance einer Art" in unserer Mailbox. Ohne Sex wird das Überleben auch etwas schwierig, dachten wir und überlegten uns eine Empfehlung in Richtung "Make love not war" an die eingangs erwähnten Initianten, wurden aber abermals von den unzähligen Fruchtfliegen in unserer Konzentration gestört. Die Viecher waren uns innert Stunden nicht nur zahlenmässig überlegen, in ihnen schlummert auch Ungeahntes. Denn wie Studienergebnisse von US-Evolutionsbiologen um Tristan Long auf einem Kongress ihrer Zunft in Kanada darlegten "können Fruchtfliegen zählen lernen". Wie deprimierend! Den ganzen emotionalen Vorsprung, den wir durch Tomaten erhielten, machten die Tiere gleich wieder zunichte. Völlig verwirrt, was wir denn nun essen sollen, griffen wir im Fantasy-Gestell zum Einhorn-Dosenfleisch. Wie wir beim genaueren Hinsehen herausfanden, ist das komplett vegan, weil aus Plüsch (Kuschelfleisch?). Damit wäre auch den gestressten, weil veganfremden Köchinnen und Köchen in den Kantinen von Basel-Stadt und Bern geholfen. (Marc Werlen, Gastautor)
Hinweis der Redaktion:
Dies war das bis auf weiteres das letzte "Leider Nein" von Marc Werlen. Leider! Wir bedanken uns herzlich bei Marc für Wortakrobatik, Testessen von Einhorn-Fleisch und Textkritik(en).

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