Leider Nein (Folge mit Promis)

24. Januar 2014, 16:44
  • kolumne
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Die Saison ist eingeläutet - die Glocken waren laut. Die Die-Branche-findet-sich-selbst-gut-und-die-Manager-finden-sich-selbst-am-besten-Saison legte wie jedes Jahr mit der ICT Networking Party fulminant los - ja ich stelle mir sogar die bange Frage, ob die Ich-erzähle-dir-was-für-än-geile-Siech-ich-bin-Saison ihren Höhepunkt schon erreicht habe könnte.
Ist ja auch schwer zu toppen: 1'370 fünfzig- bis 100-jährige Männer in schwarzen Anzügen und weissen oder hellblauen Hemden (einer mit grünem Schal) sowie 30 Frauen im zurückhaltenden Business-Deux-Piece in Anthrazit, davon mindestens 400 Ganz-, Halb-, IT- oder Cervelat-Promis, 15 Journis, 8 PR-Leute und 12 Lobbyisten, etwa 30 Nationalräte und einer von der Stadtberner Legislative, der aber auch früher oder später Nationalrat sein wird, weshalb er schon jetzt eingeladen wurde, drängeln, quetschen und schieben sich durch einen viel zu kleinen Saal und bilden Schlangen vor Essensausgaben und Getränkeverteilungsstellen, die den Schreibenden irgendwie an den letzten WK (vor gefühlten 200 Jahren) auf der Melchsee-Frutt erinnern.
Man sitzt gedrängt auf schlechten Stühlen an weiss-gedeckten Tischen, trinkt Wein, den gewisse Freunde aus St. Gallen wohl nicht einmal ihrem Hund als Medikament verabreichen würden - meine Freunde aus St. Gallen sind aber auch ausgesprochen schnäderfrässig - und hört Vorträgen zu. Der Comedian parodiert Ausländer und einen ehemaligen Bundesrat - wie originell!, der charismatische Bankchef spricht über die ungeheure Integrität seiner Bank und ganz charismatisch darüber, dass es ihn gar nicht brauche und alle sind ganz begeistert und finden ihn charismatisch. So richtig ruhig wird es erst, als Professor Kathrin Altwegg erklärt, wie man sich an einen Kometen anschleicht respektive unter Ausnützung der Schwerkraft hinspicken lässt. Das war toll.
Danach durfte man sich dann wieder gegenseitig pausenlos beteuern, dass es einem saumässig gut gehe, das Business hammermässig abgehe und jaja mit den Kindern und der Frau ist auch alles cool, man wahnsinnig tolle Ferien hatte und "schau mal, der Kurtli redet auf den Meyer ein, jaja - was macht man nicht alles für einen Auftrag von der SBB, wobei, hast du gehört, der Kurtli hat ja den Deal mit der Zurich doch ziemlich verbockt und sag mal, den Typen dort, der mit diesem Nationalrat da redet, den kenne ich doch, wer ist das schon wieder?". Wichtig ist, sämtliche Bekannte zu begrüssen, als wäre man alte Freunde und sei schon zusammen zu Fuss zum Nordpol gewandert und deshalb ungeheuer empathisch zu fragen, wie es dem Bekannten gehe, der einem dann ... siehe oben ... Da war mir doch jener Manager, der mich mit einer kleinen Beschimpfung wegen einer vor Jahren geschriebenen - übrigens zutreffenden - Beschreibung begrüsste, doch eine Wohltat.
Danach durften dann alle Bier trinken, wofür man sich zuvor aber die richtige Strategie zurechtlegen musste. Dafür war aber eine genaue Festlegung der Ziele des Abends und eine SWOT-Analyse nötig. Denn entweder versuchte man sich in eine der Pinguin-Ballungen um eine noch nicht geflüchtete Frau zu mischeln oder dann galt es, eine strategisch günstige Postion mit Überblick zu sichern, von wo aus man jeden potentiellen Kunden, der sich einem Konkurrenten näher als fünf Meter näherte, sofort abfangen und in ein Gespräch (Inhalt siehe oben) verwickeln konnte.
Der Journalist seinerseits versuchte, unter Einsatz einer altbewährtenTaktik ("darf ich dir auch grad noch ein Bier bringen?"), diesen oder jenen Gesprächspartner zu unvorsichtigem Ausplaudern von Geheimnissen zu verleiten, was ihm aber praktisch ganz misslang, weil die Wirtschafts-, Semi-, Cervelat-, IT- und sonstigen Promis sowohl über eine partygestählte Leber wie auch über eine seit Jahren erprobten ICT-Networking-Party-Strategie verfügen und den Schreibenden deshalb einfach ungeheuer empathisch fragten, wie es ihm denn so gehe im Leben. (Christoph Hugenschmidt)

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