Leider Nein (heute aus Nordkorea)

10. Februar 2012, 16:35
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Die Redaktion der Pjöngjanger Fachzeitschrift 'Roter Reseller' kippte diesen Montag in Euphorie, denn der stellvertretende Pressesprecher des grossen Vorsitzenden Kim Yong Nil der Firma Blühender Serverraum hatte sie mit einer Pressemitteilung beglückt. "Juhui eine Pressemitteilung von Blühender Serverraum" hallte es durch die Redaktionsstube und so mancher eifriger Redaktor träumte schon vom Glück, persönlich mit Kim Yong Nil sprechen zu dürfen.
Doch oh weh: "Rückfragen richten Sie bitte ab dem 20. Februar an Herrn Kim Yong Nil (zur Zeit im Urlaub)" stand da und so war rasch klar, dass die eifrigen MitarbeiterInnen von 'Roter Reseller' noch viele Mal schlafen müssten, bis sie endlich die Ehren haben würden, ihre Fragen ("Verehrter Herr Kim Yong Nil! Warum sind Sie und Blühender Serverraum so erfolgreich? Liegt es an Ihrer Genialität oder an Ihrem ungeheueren Fachwissen? Oder gar an beidem?") persönlich an den Herrn Vorsitzenden zu richten. Und so mussten sich die Journalisten halt damit begnügen, Webseiten zu studieren, vom Volk zu lernen und abzuschreiben.
Noch trauriger aber waren die dem Volke dienenden RedaktorInnen von 'Roter Reseller' dann am Dienstag (7.2.), denn der stellvertrende Sprecher des grossen Vorsitzenden machte die überschäumende Freude, eine Pressemitteilung von Blühender Serverraum veröffentlicht haben zu dürfen, zunichte: "Wir nehmen Bezug zum gestrigen Versand der Pressemitteilung", schrieb der Stellvertretende. "..., bitten wir Sie, eventuelle Online-Berichterstattung offline zu nehmen und mit Print-News zwingend abzuwarten." Sich gegenseitig schluchzend dazu gratulierend, dass es in Nordkorea kein Google, keine Archive, und keine Links auf Archive gibt und das Volk eh gewöhnt ist, nicht nur Artikel sondern auch das eine oder andere Mitglied des Politbüros oder der Juche-Akademie kommen und gehen zu sehen und man deshalb problemlos und sofort den Wünschen des stellvertretenden Pressesprechers des Grossen Vorsitzenden nachkommen kann, löschten die Redaktoren von 'Roter Reseller' den Artikel, zumal der geliebte Stellvertreter nachhakend telefonisch erstens die sofortige Liquidierung des volksschädlichen Artikels verlangt und zweitens die Lieferung von drei oder vier Säcken Reis an die Familien der Redaktoren versprochen hatte.
Wie gut, dass Zeitschriften wie 'Roter Reseller' wenigstens in Nordkorea noch wissen, wie man die Branche fördert. So war es denn auch nicht Blühender Serverraum sondern ein ziemlich grosser US-Konzern, der an einer Konferenz teilnehmende Reseller freundlich darauf hingewiesen hat, dass auch ein Journalist von inside-channels.ch an der Konferenz teilnehmen werde. Das ist Pressefreiheit: "Natürlich steht es Ihnen frei, mit dem Journalisten zu sprechen" schreibt der Konzern (ungefähr) seinen Partnern und warnt: "Journalisten neigen bekanntlich dazu, Fakten aus den Zusammenhängen zu reissen oder ihnen Erzähltes zuzuspitzen."
Ha! Also so etwas würden wir vom 'Roten Reseller' doch nie tun. Nie! Und wenn, dann grad wieder löschen. (Christoph Hugenschmidt)

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