Leider Nein (heute mit Frau Holle)

13. September 2013, 15:52
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

"Gut gemachte PR ist wie Polka in enganliegenden Anzügen - macht an und sieht nett aus, das Wesentliche bleibt jedoch im Verborgenen..." schrieb mir einer, der es wissen muss, denn er ist Mitglied in nicht weniger als vier PR-Vereinen, darunter der "European Association of Communication Directors", ins Facebook. Stimmt: Nur naive, von denen es aber erstaunlich viele gibt, glauben, die Aufgabe der PR-Abteilung sei es, zu gratis Werbeplätzen in den Medien zu kommen. Die Schlaueren wissen: All die Journalisten- und Öffentlichkeits-FlüstererInnen von Grossfirmen, Ämtern und Verbänden sind in Wirklichkeit gut bezahlte Frau Holles. Wie wohlriechend und sanft doch so eine steinige Bergmatte, gestern noch zum Himmel stinkend, weil frisch gegüllt, am Morgen nach dem ersten Schnee ist!
Aber es funktioniert nicht immer: So jubilierten die Software-Lobbyisten von BSA vor wenigen Wochen: "Schadensersatzzahlungen an die BSA steigen um 35 Prozent. Erfolgreicher Kampf gegen Unterlizenzierung in deutschen Unternehmen" und beeindruckten uns damit sehr. Man sei im ersten Halbjahr "ausgesprochen erfolgreich" gewesen und habe "Schadenersatzzahlungen" von total "sechs Millionen US-Dollar" eintreiben können. Wohlgemerkt nicht etwa im Kanton Appenzell, Togo oder Liechtenstein sondern in "Europa, dem Nahen Osten und Afrika". Man rechne: Der Unternehmenssoftware-Markt im EMEA-Raum dürfte im ersten Halbjahr vielleicht 35 Milliarden Dollar schwer gewesen sein. BSA hat davon also einen Fünftausendachthundertdreiundreissigstel als Schadenersatzzahlungen für illegal benützte Software eingetrieben. Software-Klau ist offensichtlich risikolos - zumindest vor der BSA braucht man sich nicht zu fürchten. Der Schnee war schnell wieder weg!
"Durch seine im Vergleich zum Qualcomm Snapdragon S4 Pro um 75% gesteigerte Leistung, unterstützt der Snapdragon 800 viele der führenden Technologien für das ultimative mobile Erlebnis," schrieb Roman K., seines Zeichens "Senior Account Manager" bei einer Firma namens Hill+Knowlton Strategies, nicht nur uns, sondern auch an 262 weitere JournalistInnen, die er als versierter "Senior" nett im Verteiler des E-Mails aufführte. Worauf diese uns an ihren begeisterten Antworten teilhaben liessen: "bitte mich von diesem Preseeverteiler zu löschen. Ich mag keine Pressemeldungen mehr lesen, die praktisch nur mehr aus Superlativen bestehen," schrieb zum Beispiel der Kollege von pocket.at, "uns kann man dann auch bitte entfernen," doppelte Gulli.com nach, weiter ging es mit "eine ganz wunderbare Idee, der Bitte kann ich mich nur anschließen. Auch wenn mich die Superlative weniger stören, als die fehlende Substanz," von heise.de. Offenbar sind nicht alle Medienschaffende so fix mit dem Delete-Button wie wir, denn es ging nicht lange bis dieses Mail an alle 262 ging: "hallo, könnten bitte alle, die sich abmelden wolen, das via ANTWORTEN statt mit ALLEN ANTWORTEN kundtun," was mit der Botschaft "Ich wäre euch doch sehr verbunden, jetzt nicht jede eurer Antwort-Mails auch an alle CC-Kontakte zu senden. Hätte heute nämlich noch mehr zu tun, als den ganzen Tag "als gelesen markieren" zu drücken. Danke, hab euch lieb. :):*", die natürlich an alle ging, ergänzt wurde.
Eher ins Kapitel "fishing for free ads" gehören hingegen Mitteilungen, die mit geilen Betreffzeilen versehen, einem so was von giggerig (Hier die jugendfreie Version des gleichnamigen Songs von Polo Hofer zur Begriffserklärung) machen sollten, versandt werden. "Die Größe macht's?" schreibt uns eine gewisse Melanie von der Firma "Marmitek, Smart Solutions at Home" und unsere lieben Freunde von Farner beglückten uns im Auftrag von Xing mit "Liebesabenteuer auf deutschen Schreibtischen: Junge Berufstätige sind besonders fleissig". Während Melanie von Lautsprechern schrieb, rutschte den Farners versehentlich Wahrheit in die Pressemitteilung. Auf die Frage nach der "attraktivsten Zielgruppe für eine Affäre im Büro" landet nämlich die "Produktion" auf Platz 1, danach folgen "Vetrieb", "Personalwesen", "Buchhaltung" und abgeschlagen auf dem letzten Platz "Marketing & PR". (Christoph Hugenschmidt)
Für Rechtschreibefans: Falls sie über die Frage gestolpert sind, ob es nun Schadensersatz oder Schadenersatz heisst, finden sie in dieser Kolumne von Zwiebelfisch eine Antwort.

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