Leider Nein (heute mit Wääk)

18. Januar 2013, 17:05
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Momoll. Das Jahr hat gut begonnen. Der Mond über dem Bosporus war fast voll, hing riesig über den antennenbestückten Hügeln Üsküdars und liess die Lightshow der Bogoaziçi Köprü verblassen. Was für ein Jahreswechsel!
Und dann das: Beim Kuscheln wird das Glückshormon Oxytocin, das unter anderem für die Stärkung der Bindung zwischen Personen verantwortlich ist, ausgeschüttet - jedoch nur bei engen Bezugspersonen, schreibt pte gewohnt relevant in einer Pressemitteilung zum "Welt-Knuddel-Tag".
Das erst nur ganz kleine Leck in meinem Romantik-Tank, in dem sich an den Gestaden des Marmarameers ein wirkungsvolles Antidot gegen die negativen Auswirkungen von sinnlosen Verlautbarungen auf mein seelisches Gleichgewicht angesammelt hatte, weitete sich beim Studium der nächsten Story: "Zwei Tassen Kaffee täglich können eine männliche Inkontinenz nicht nur verschlimmern, sondern sogar auslösen. Zu diesem Schluss sind Forscher der University of Alabama und weisen darauf hin, dass Koffein die Harnblase reizt," schreibt dieselbe Agentur, findet dann aber nur wenige Zeilen darunter heraus, dass die Meldung wohl nicht stimme, wie "Petra Myslik, Fachschwester für Kontinenz und Stoma" erklärt.
Blublub - Hören Sie das Auslaufen des Gegengifts? "Avaloq ist internationaler Anbieter von integrierten und umfassenden Softwarelösungen, die das Bankkunden-Erlebnis revolutionieren." In Zeiten, in denen der Wert des einst als helvetischen Urwert oft und prominent gelobten "Bankkunden-Geheimnis'" (im bösen Ausland unverständlicherweise oft auch grob als aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung bezeichnet) rascher an Wert verloren hat als griechische Staatsanleihen gibt es nun wenigstens das "Bankkunden-Erlebnis" und das wird erst noch revolutioniert. Jetzt wird alles gut, denn zusätzlich gibt es für mich als Schraubenverweigerer endlich wieder Hoffnung: "Auch Schraubenverweigerer kommen auf ihre Kosten: Für die unsichtbare Befestigung gibt es das DAUERFIX-System - es ermöglicht eine besonders schnelle und attraktive Verlegung," schreibt die "DAUERHOLZ AG" aus Hamburg in GROSSBUCHSTABEN damit man sie ja nicht mit der verfaulholz gmbh aus Emmelsbüll-Horsbüll verwechsle.
Weg war das Gegengift, das Nervenkostüm lag schon am ersten Arbeitstag 2013 nach nur drei Stunden Dienst als PR-Löscher blank. Da kommt es ja auch nicht mehr drauf an, dachte ich, öffnete den Giftschrank und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche mit den gesammelten Meisterwerken des deutschsprachigen Titelschaffens:
"Wachstum ist immer möglich" titelte 'ICTKommunikation' unlängst und bewies damit, dass Papier sogar noch geduldiger ist, als bisher bekannt war. 'CRN-TV' setzte einen drauf: "Also-Actebis setzt auf Profitabilität" enthüllte der kurzlebige TV-Sender und stürzte uns in Zweifel, denn wir hatten zuvor gedacht, Also-Actebis wolle nix als Verluste.
Auch gut finden wir den "Vormarsch", auf den titelnde SchreiberInnen immer wieder irgend etwas, zum Beispiel Lungen, schicken: "COPD: Raucherlunge bei Frauen auf dem Vormarsch". Während die Raucherlungen erst marschieren, tobt der Kampf anderswo bereits: "Festplattenmarkt: Der Kampf geht weiter" schrieb der Netzticker diesen Sommer martialisch, um sich im Lead dann dem Wetter zu widmen: "Die Festplatten-Hersteller sind im Aufwind und rangeln sich um die Marktführerschaft." Was jetzt? Kampf und Krieg, Wetterbericht oder doch irgendwas mit Pornografie und "sich rangeln"? Aus dem gleichen Haus kam wenige Tage zuvor eine bahnbrechende Erkenntnis zum gleichen Thema: "Wer nur Disks verkaufen, will ist tot". So geht das: Erst Kampf, dann sich im Aufwind rangeln und schon ist man tot. Wasdenn? hätte unser alter Pariser Freund Gaston gefragt. (Christoph Hugenschmidt)

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