Leider Nein (heute ohne Fachkräftemangel)

21. November 2014, 16:50
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.

Ich gebe es zu: Unser Titel "UBS verschiebt weitere 4000 IT-Stellen in Tieflohn-Länder" ist etwas fies, weil potenziell irreführend. Wer den Untertitel nicht liest, könnte meinen, die böseböse UBS stelle 4000 InformatikerInnen auf die Strasse - und das erst noch in Zürich. So ist es nicht: Die Grossbank verlagert in zwei Jahren ungefähr 4000 "Funktionen", ob von Angestellten, Freelancern oder Mitarbeitern von Dienstleistern besetzt, in "Low-Cost"-Standorte. Und das nicht nur aus Zürich, sondern auch aus New York, London und Hongkong.
Andererseits: Schreiben Sie mal einen Titel, der so differenziert ist, wie der Inhalt fast jeder Story und der trotzdem die von den Empörungsbewirtschaftern der Gratis- und Sonntagspresse verdorbenen LeserInnen dazu verführt, die Story zu lesen. Probieren Sie's ... gälledsie – es ist nicht einfach.
Ein anderer, genauso potenziell irreführender Titel hat mich auch gereizt: Bye bye Fachkräftemangel. Anstelle der Pressestelle der Grossbank hätte ich dann entweder Ruedi Noser, die Leute von ICT-Berufsbildung oder die nette Dame von IT-Dreamjobs am Draht gehabt, die mich gefragt hätten, ob ich vom Affen gebissen worden sei. Ich mach es trotzdem:
Bye bye Fachkräftemangel
Man rechne: Bis 2022 fehlen in der Schweiz rund 30'000 IT-Fachleute. Wir müssten also jährlich 4'285 InformatikerInnen mehr ausbilden, als das heute geschieht. Doch rechnen wir weiter: Gehen wir davon aus, dass die Hälfte der von UBS verschobenen "Stellen" (inklusive Freelancer und Dienstleister) in der Schweiz sind, so hätten wir für die nächsten zwei Jahre schon mal jährlich 1000 freie InformatikerInnen. Doch die UBS ist ja nicht die einzige Firma, die auslagert. Auch die Credit Suisse tut es (schon lange), andere Grosskonzerne tun es, mittelgrosse Banken tun es, KMU tun es und IT-Firmen tun es auch.
Gleichzeitig brauchen moderne IT-Management-Lösungen wesentlich weniger Fachleute als früher. Es geht nun mal viel schneller, einen virtuellen Server in einer Computer-Wolke zu konfigurieren, als einen Server "aus Fleisch und Blut" auszupacken, in ein RZ zu karren, ins Rack zu schrauben, mit Software auszustatten und zu testen. Das gleiche gilt für virtuelle Clients und PCs & Co, für Speicher und so weiter. Ich denke, man kann davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren weit mehr als 1000 IT-Fachleute jährlich zusätzlich auf den Arbeitsmarkt gespült, respektive "weg-globalisiert werden" (Netcetera-Gründer Andrej Vckovski).
Das allerdings wird zwar den "Fachkräftemangel" entschärfen wenn nicht sogar beseitigen, nicht aber den Mangel an passenden Fachkräften. Denn IT-Spezialisten, die jahrelang in einem Silo einer bestimmten Branche oder einer bestimmten Technologie eingesperrt waren, sind zwar "Fachkräfte", werden aber trotzdem grösste Mühe haben, einen brauchbaren Job zu finden.
Deshalb muss die Branche nun nicht mehr nur Nachwuchs mobilisieren, sondern sie muss dringend den Fokus auf Weiterbildung der bestehenden Fachkräfte legen. Das wird etwas kosten - und zwar mehr als das Sponsoring einer Plakatkampagne oder der Auftritt an einer Berufsbildungsmesse. Doch es gibt keine Alternative: Sollte es sich die Schweizer Wirtschaft leisten, eine kleine Heerschar von älteren, falsch qualifizierten und frustrierten InformatikerInnen auf den RAVs versauern zu lassen, wird sie auch den Nachwuchs nicht gewinnen. Und dann haben wir ihn wieder - den Fachkräftemangel. (Christoph Hugenschmidt)

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