Leider Nein (Kellerfolge)

12. Oktober 2012, 16:06
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Im Keller eines 5-Stern-Hotels irgendwo in Bejing, Las Vegas, Barcelona oder Kopenhagen sind verschiebbare Trennwände aufgestellt, die kleine Konferenzzimmer bilden. An den Wänden kleben die Logos von Firmen. Der Geräuschpegel ist unangenehm hoch, weil an den vielen Tischen (meist männliche) Manager auf (meist männliche) Journalisten einreden, als gäbe es kein Morgen.
Er: "Guten Tag Herr Hugendubel* Schön, dass Sie kommen konnten."
Ich: "Guten Tag Herr Barrenboss*. Ganz meinerseits. Danke für Ihre Zeit"
Man tauscht Karten, der Gesprächspartner fragt, ob man einen Kaffee oder ein Mineralwasser wolle und bestellt das Getränk bei einem hilfreichen Geist oder holt das es sogar selber. Der (meistens weibliche) PR-Wachhund sitzt dazu und bereitet sich darauf vor, alles Gesagte zu notieren.
Er: "Also. Was möchten Sie von mir wissen?"
Ich: "Ich habe keine Fragen. Was möchten Sie mir erzählen?"
Er: "Aber man hat mir gesagt, Sie wünschten unbedingt ein Interview mit mir. Was sind denn nun Ihre Fragen?"
Herr Barrenboss wirkt nun etwas säuerlich. Kein Wunder, denn das Treffen mit mir ist sein vierzehntes Meeting an diesem Tag.
Ich: "Man hat mir gesagt, Sie wollten mir unbedingt heisse News zu Ihrer Firma und Ihrer Strategie mitteilen. Also: Was gibt es Neues?"
Barrenboss beginnt, sichtlich gelangweilt und genervt, die Keynote seines Bosses an diesem Morgen ("Unsere Strategie ist ganz klar Mobile und natürlich spielt der Channel eine entscheidende Rolle") zu wiederholen.
Ich (todesmutig, weil dies auch schon mein sechstes 1-to-1 ist und ich noch einen Artikel schreiben sollte, viel zu heiss und grausam Hunger habe): "Ich habe die Keynote ihres Bosses heute Morgen schon gehört. Er sagte ja leider das gleiche wie der Boss ihres Bosses vor sechs Wochen in San Francisco gesagt hat, wie ich damals in eWeek gelesen habe. Und der Boss Ihres Bosses sagte ja ungefähr das gleiche, wie vor einem Jahr in New Orleans, nicht? Aber was gibt es Neues?"
Nach einigen höflichen Gifteleien finden die Herren Barrenboss und Hugendubel heraus, dass die PR-Firma mit grossem (verrechenbaren) Aufwand beiden Gesprächsteilnehmern vorgegaukelt hat, dass der jeweils andere unbedingt einen Gesprächs- respektive Interview-Termin wolle. In Wirklichkeit wollen aber sowohl Barrenboss wie Hugendubel einfach für wenigstens 30 Minuten aus dem Keller des vielsternigen Hotels in Shanghai, Los Angeles, Paris oder Budapest entfliehen. Es misslingt.
Andere Varianten desselben Szenarios: Der einem mit grossem Aufwand aufgedrängte Gesprächspartner textet einem mit technisch verbrämter Werbung zu, die man noch weniger versteht als glaubt, der Gesprächspartner taucht nicht auf, die ungeheuer gut aussehende aber leider nicht Englisch sprechende Dame am Empfangstischlein findet den Termin mit Ober-Manager Barrenboss nicht, Barrenboss ist grausam verkatert, Barrenboss kennt unser Medium nicht (er selbst liest eh nur 'Financial Times' und 'Golfleader') und ist deshalb völlig desinteressiert oder Barrenboss hat keine Ahnung, da er erst seit drei Wochen bei der Firma ist und erzählt vorsichtshalber einfach mal einen Haufen Allgemeinplätze (Kundenfokus, absolute Channeltreue, technologischer Vorsprung, viel tiefere TCO etc. etc.)
Alle: "Hast du es schön. Diese Woche in Barcelona und nächste dann Paris! IT-Journalist müsste man sein!" (Christoph Hugenschmidt)
*Alle Namen sind frei erfunden

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