Leider Nein (kommunikative Folge)

9. September 2011, 15:59
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  • kommunikation
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Kommunikation ist ungeheuer wichtig, aber leider, leider eben auch wahnsinnig schwierig. Kommunikation brauchts für Innovation, für Interaktion, für die Kundenansprache und für die Produktion von zufriedenen, innovativen, das Firmenimage auch im Web zweinull immer als "Botschafter" pflegenden MitarbeiterInnen. Wenn man gut kommuniziert, kann man ausserdem auf so lästiges und teures Zeugs wie Werbung verzichten, was wiederum die Medien dazu veranlasst, ihre Redaktionen so weit auszudünnen, dass sie nur noch aus 1 Praktikanten und 1 Redaktionsassistentin bestehen. Reicht ja auch, um die Pressemitteilungen aus ihrer gut besetzten Kommunikationsabteilung ins Lay-Out oder das CMS zu pasten, oder?
Kommunikation ist eben cool und auch nicht so anstrengend, weshalb alle jungen irgendetwas mit Kommunikation und Medien studieren und brav unbezahlte Praktika machen, während denen sie davon träumen, auch mal so eine schicke und doch knüppelharte Journalistin vom Gratisblatt mit der Megaauflage zu sein. Sie schaffen es zum Schluss dann doch nur in die stark wachsende Kommunikationsabteilung der VBZ, wo sie sich die ersten vier Jahre damit beschäftigen müssen, das CI bei den internen Mitteilungen, die man in den Umkleideräumen der Gleisarbeiter aufhängt, durchzusetzen. Nach vier Jahren in der "internen Kommunikation" darf man dann in die Presseabteilung, wo man als erstes damit beschäftigt wird, Medienmitteilungen zu verschicken (siehe Screenshot oben) und dann die Journalisten einzeln anzurufen und zu fragen, ob sie die Medienmitteilung auch erhalten hätten. Diese Tätigkeit ist völlig sinnlos, da Mails heutzutage eigentlich immer ankommen, hilft aber den Charakter zu stärken, weil man sich mindestens so unbeliebt macht, wie die schicke aber knüppelharte Reporterin vom Gratisblatt, die leider schlecht recherchiert und eine Ente zu den angeblichen Sexualpraktiken irgend eines Landjäger-Promis produziert hat, was ihr zwar eine Beförderung aber auch den ewigen Hass des Landjäger-Promis und seiner Familie einbringt.
Nach weiteren vier Jahren in der Presseabteilung darf man dann endlich zum ersten Mal so richtig kreativ werden und SELBST eine Pressemitteilung schreiben, die dann überall eins zu eins abgedruckt wird (vor allem wenns um Mode, Informationstechnologie, Reisen oder Autos geht), was das Selbstwertgefühl ungemein steigert. In der Tat: Es ist gar nicht so einfach, zum Beispiel über die neuste Roomba-Generation zu schreiben: "Die schmutz-zentrierte Technologie garantiert dabei bestmögliche Reinigungsabdeckung, auch unter Möbeln sowie darum herum, und stellt sicher, dass besonders reinigungsbedürftige Stellen mehrfach bearbeitet werden." Hätten Sie das gekonnt, das mit der "schmutz-zentrierten Technologie"?
Nach weiteren vier Jahren, in denen man zum echten Kommunikationsprofi geworden ist und von der riesigen Kommunikationsabteilung eines staatlichen Betriebs in die noch viel grössere eines Bundesdepartements und von dort dann endlich, endlich an die Fleischtöpfe einer bekannten PR-Agentur mit F. wechseln konnte, darf man dann an die Königsdisziplin ran. KRISENKOMMUNIKATON: "Die Regierung des Fürstentums Liechtenstein wurde mehrmals betreffend eine Versteigerung oder den Verkauf dieser Olympiamarken 1980 kontaktiert. Aufgrund der seinerzeitigen polizeilichen Ermittlungen im Jahre 1987 muss davon ausgegangen werden, dass eine gewisse Menge der genannten Olympiamarken 1980 durch deliktisches Handeln in den Besitz Unbefugter gelangt ist. Völlig unklar ist die genaue Menge der entwendeten Postwertzeichen, inklusive Ersttagsbriefe und Maximumkarten. Die Regierung des Fürstentums Liechtenstein behält sich vor, entsprechende Postwertzeichen im Falle des Nachweises der Bösgläubigkeit des Veräusseres oder des Erwerbers auf gerichtlichem Wege herauszuverlangen."
Haben Sie die Grammatikfehler gefunden? Wenn ja, dann dürfen Sie sich bei der Kommunikationsabteilung eines Ex-Monopolisten mit S. bewerben.
Da oben hats keinen Fehler? Wenn Sie davon überzeugt sind, dann müssen Sie in die Schweizer IT-Presse, da wird Ihr Typ gebraucht: "LG ZEIGT BRILLENLOSEN 3D-MONITOR". Das kann nicht jeder, oder? (Christoph Hugenschmidt)
(Illustration: Screenshot aus dem Redaktions-Postfach. Das Massen-Kommunikationsmail kam übrigens nicht von der VBZ, genauso wie wir nicht wissen, ob die Stadtzürcher Verkehrsbetriebe eine grosse Kommunikationsabteilung haben oder nicht.)

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