Leider Nein (letzte Folge)

15. Februar 2013, 16:27
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Es gibt Tage, da ist einfach nix los. Draussen in der Stadt verfärbt und dann verflüssigt sich der Schnee, was aber irrelevant ist, denn die Zürcher sind sowieso in die Berge abgehauen, wie wenn es neuerdings nicht nur Subvenziuns für Bergbauern, Hoteliers, Hanglagen-Grundstück-Erben und Schafzüchter gäbe, sondern auch für Hanglagen-Rutscher, Mit-dem-Snowboard-auf-der-Kante-Sitzerinnen und Schneebar-Hänger.
Eben - die Zürcher sind weg und der Schnee auch und nicht mal der Bund schafft einen Software-Skandal. Es gibt nichts zu schreiben über in den Sand gesetzte IT-Projekte in Zug, Bern oder Luzern und nicht mal die Gemeindeverwaltung von Schlattbüel erlöst uns mit einer Story über Software für die Einwohnerkontrolle, die es wegen mangelnder Performance nicht zulässt, dass mehr als 1 Einwohner pro Woche zu- oder wegzöge.
In dieser verzweifelt storylosen Lage greifen unsere RedaktorInnen zu jedem Strohhalm und sind sogar geneigt, aus einer langfädigen Pressemitteilung vom letzten Oktober eine Produktestory über Drucker von Oki, die "in sattem, klarem und strahlendem Weiss" drucken können, ganz ohne jede spitze Bemerkung zu schreiben und samt Foto von satt klar strahlend weiss bedrucktem farbigen Papier zu veröffentlichen. Sorgfältig wird der PR-Output der IT-Industrie, der an normalen Tagen leichtfertig-bösartig und ohne mit den Wimpern zu zucken in den Orkus befördert wird, studiert und nach jedem Fitzelchen brauchbarer Information durchkämmt. Und natürlich tun wir das, was Journis immer tun, nämlich die Werke anderer Journis nach (Zweit-)Verwertbarem zu durchforsten, noch intensiver als sonst schon und überlegen uns, wie allenfalls etwas aus der 'arstechnica'-Story über Rockstar Chubby Checker, der HP wegen der "Chubby Checker" WebOS-App zur Schätzung der Penislänge aufgrund der Schuhgrösse auf die Bezahlung von 500 Millionen Dollar wegen Beschädigung des Chubby-Checker-Brands verklagen will, herauszuholen wäre.
Und statt dass wir die 488. Mitteilung zum Thema "Wie wir in Zukunft arbeiten" schulterzuckend und ohne sie zu lesen löschen, studieren wir sie sorgfältig, bis wir zum tollen Satz "Die Arbeit wird ein integrierter Bestandteil in unserem 7x24-Stunden-Leben sein" stossen. Die Sache mit dem 7x24-Stunden-Leben ist uns dann selbst in der grössten Story-Not etwas zu dick aufgetragen, macht aber unsere Lage nur noch schlimmer, denn wir verlieren uns in der Suche nach der Antwort auf die Frage, was denn ein Nicht-7x24-Leben auf unserem Planeten sein könnte. Was für ein Leben haben Zombies? 5x14?
Auch analysieren wir sorgfältig, ob die Story aus Düsseldorf über neuartige Kinderwägen wohl Sie als CIO ansprechen würde, denn immerhin sind die Dinger "ausgestattet mit elektrischem Antrieb sowie intelligenter Sensorik und Steuerung" und lassen sich "komfortabler, intuitiver und sicherer als herkömmliche Kinderwagen bedienen." Und die völlig überraschende Aussage, dass "viele Führungskräfte vor der Herausforderung, qualifizierte Mitarbeiter zu identifizieren und einzustellen" stünden, nehmen wir (in der Not frisst der Teufel Fliegen) ebenso ernst wie die wichtige Untersuchung nach "dem geplanten Einsatz des Smartphones am Tag der Verliebten".
Passend zu den Kinderwägen wäre allenfalls auch noch die Geschichte über das Ende des Elends der Alleinerziehenden, die uns in einem süssen E-Mail aus der Romandie "Bitten wir Sie über der anbei Nachrichten zu sprechen." unter dem schönen Titel "Blasen Sie die 4. Kerze von SinglEltern.ch am 14. Februar!" vorgeschlagen wird. Wir sind nicht ganz sicher, ob wir da alles ganz richtig verstanden haben, stellen aber erleichtert fest, dass der schneefressende Regen draussen aufgehört hat und die Velokuriere wieder wie es sich gehört auf der Kanzleistrasse fräsen anstatt nur vorsichtig zu täbelen und finden, es sei jetzt genug mit Winter und an der Zeit, Onkel Ho zu besuchen. Kein "Leider Nein" bis mindestens 22. März. (Christoph Hugenschmidt)

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