Leider Nein (Nein, nein, nein!)

8. Mai 2015, 15:50
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Glauben Sie mir, das Journalisten-Leben ist schön. Täglich, stündlich, minütlich schreiben uns nette Leute nette E-Mails. Zum Beispiel schrieb uns Marketingleiter B. von der Firma S: "Guten Tag Herr Minetti, Ich leite Ihnen gern eine neue Pressemitteilung. Können Sie diese Pressemitteilung auf Eure Website publizieren lassen?" Süss, nicht?
Und Teamleaderin S. schrieb heute: "Sehr gerne hätten wir die beiliegende Pressemitteilung bezüglich ... publiziert gehabt. Ich bitte um einen möglichst raschen Bescheid."
Auch Co-Owner B. war heute höflich, wenn auch ein bisschen bestimmt, was man als Co-Owner durchaus sein, kann, denn Co-Owner ist nicht jeder: "Ich bitte Sie um Kenntnisnahme des beigefügten Dokuments zur Ankündigung unseres Anlasses mit der Bitte um Veröffentlichung/Erwähnung in Ihrem Medium."
Ahnen Sie unsere Antwort? Nein, NEIN, N E I N! Wir "publizieren" keine Medienmitteilungen, sind auch widerwillig bei der "Kenntnisnahme des beigefügten Dokuments" und geben nicht Bescheid.
Viel lieber haben wir es kurz und bündig. Das Vaduzer "Amt für Bevölkerungsschutz" zum Beispiel hat die Sache mit kurz und bündig total im Griff. Betreff ikr: "Bibersofortmassnahmen" Titel: "ikr: Bibersofortmassnahmen". Da wird nicht um Kenntnisnahme, Erwähnung und Publikation gebeten, sondern informiert. "Biberschutzmassnahmen" und der gehetzte Journalist weiss ratzfatz, um was es geht. Charmant ist auch gut, aber etwas schwieriger: "Mesdames et Messieurs les Représentants de la Presse," ist doch schon mal ein Anfang. Und dieser Versuch war wenigstens originell: "Sehr geehrte inside-it Redaktion, es kommt mir so vor, als würden Sie meine Mails nicht erhalten? ... Mit meinen letzten Mails wollte ich Sie für ein Thema im Bereich virtuelle Desktopumgebungen (VDI) begeistern. ... Ich freue mich auf JEDE Rückmeldung!"
Liebe PR-Schaffende, das ist doch alles viel zu anstrengend. Warum versuchen Sie es nicht einfach mal mit der Wahrheit, anstatt sich mühsam für jeden Pressemitteilungsversand eine neue höfliche, Journalisten-verführende Anrede aus den Fingern zu saugen?
Zum Beispiel so: "Hey ihr arroganten Säcke! Glaubt Ihr, irgendjemand lese Euer doofes Käseblättchen? Ich glaube übrigens auch nicht, dass die beigelegte langweilige Pressemitteilung Euch oder sonst jemanden interessiert, aber vielleicht habe ich ja Glück und ihr habt grad Story-Mangel und das dringende Bedürfnis, mit der Praktikantin sofort zum Feierabend-Bier abzurauschen und ihr die Ohren vollzulabern, was für coole Recherche-Hirsche ihr seid. Und überhaupt: Ich brauch die fucking Clippings!"
Oder so? "Hey ihr Schnarchsäcke! Ihr werdet ja nie herausfinden, dass Pauli Müller, der sich da angeblich im gegenseitigen Einverständnis nach neuen beruflichen Zielen orientiert, unseren Laden praktisch in den Konkurs getrieben hat und gestern vom VRP persönlich und unter Androhung von Gewalt aus der Hütte gejagt wurde und unsere "führende" Firma zur Zeit grad sehr shaky ist und keiner hier eine Ahnung hat, wie es weitergehen soll. Deshalb lege ich Euch auch ein schönes Föteli des neuen CEO zum Mail. Das wird euch ablenken und ihr werdet froh sein, ein Bildli zu haben, weshalb ihr nicht checken werdet, dass sich der Neue vor allem dadurch auszeichnet, der Lover der Tochter des VRP zu sein." Ginge doch auch. (Christoph Hugenschmidt)

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