Leider Nein (selbstjubelnde Folge)

16. März 2012, 16:38
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Mögen Sie Interlaken? Ich auch. Es gibt doch nichts Schöneres als bei strahlendem Sonnenschein zusammen mit 1200 gleich gekleideten Männern und 100 anders gekleideten Frauen in einem Saal zu hocken und Powerpoint-Präsentationen anzuschauen. Abends dann, wenn die Sonne blutrot hinter den Schneebergen verschwunden ist und damit auch der sehnsüchtige Blick nach Südwesten in Richtung Horneggli, wo ich vor wenigen Tagen mit vielen auch gleich (aber anders) Gekleideten in der Sonne hockte und fröhlich absurd teure Schweinswürstchen in Beutelsuppe (Steinpilz) vertilgte, wirkungslos wird, geht der Spass erst richtig los.
Denn die 1200 Männer reagieren alle gleich auf Kunstlicht, Prosecco (die meisten haben ja lieber Bier, getrauen sich aber nicht, das zu zeigen und müssen deshalb Prosecco, Weiss- und Rotwein trinken) und ein Buffet, an dem wie immer die Vorspeise das Beste ist (Entenbrüstli auf Irgendwas-Schümli, lauwarmer Linsensalat mit bitzeli Koriander, ...). Sie beginnen sich gegenseitig zu erzählen, wie cool und erfolgreich und sportlich und intelligent und fleissig und trotzdem Work-Life-Balance im Griff habend sie sind. Der Schreibende hält bei der Selbstbejubelung tüchtig mit (wer ihn kennt, weiss, dass er wenigstens nicht ganz unrecht hat, wenn er behauptet, er sei der Grösste) und versucht, nicht nur an Gratis-Bier und Entenbrüstli heranzukommen, sondern auch da und dort eine Story aufzugabeln. Dazu genügt ein einfacher Trick: Man provoziere seinen Gesprächspartner entweder mit dem Uralt-Witz vom Golfen und dem Sexleben oder dann, indem man durchblicken lässt, dass er vielleicht ja doch nicht so ein "geiler Siech" sei, wie er behauptet, sondern in Wirklichkeit dauernd Deals verliert und seine Bude technologisch eh keine Chance ("gegen die Chinesen", "gegen Microsoft", "gegen IBM", "gegen Cisco", "gegen Java" - was auch immer) hat. Das funktioniert immer.
Und so wissen wir denn, was das BIT zuletzt so alles gepostet hat, dass das Zürcher OIZ an einem Facebook-Ding für Stadträte bastelt, Swisscom Green kaufen wird und Apple einen potenziellen Grösstkunden, der über Rabatte reden will, mit der Info abspeist, man mache in der Schweiz zwei Milliarden Umsatz mit 25 Mitarbeitenden und sei eher nicht auf Verhandlungen angewiesen. Angeblich.
Bei Frauen funktioniert der Trick - zumindest in Interlaken - nicht, denn sie haben gar keine Zeit, sich selbst zu bejubeln, weil sie damit beschäftigt sind, die 1200 männlichen Selbstjubler auf Distanz zu halten.
Selbstjubel ist übrigens auch eine beliebte PR-Strategie: "Durch strategisch richtige Investitionen in die Technologie, die Organisation und den Service überzeugt die xy AG auch im Geschäftsjahr 2011 und erzielt sowohl eine markante Gewinnsteigerung als auch eine Erhöhung der Kundenzufriedenheit gegenüber dem Vorjahr," schreibt ein KMU-IT-Dienstleister in einer Mitteilung, ohne weitere Zahlen oder sonst irgend etwas Konkretes zu sagen. Gut, dass die Firma nicht vergisst, zu schreiben, sie habe "motivierte Mitarbeiter" und eine "leistungsfähige Informatik-Infrastruktur" und sei "fit für die Zukunft". Und natürlich hat sie auch "hohe Kundenzufriedenheit" und ist ein "innovatives Unternehmen" mit "einzigartigem Know-how".
Wir sagen leider nein und warten weiterhin auf die Pressemitteilung, in der endlich mal eine Firma zugibt, dass ihre völlig demotivierten Mitarbeitenden dank maroder Infrastruktur die Kunden permanent stocksauer machen und die Bude deshalb brutal in die roten Zahlen gesaust ist und aus dem letzten Loch pfeift. Diese Story würden wir bringen. (Christoph Hugenschmidt)

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