Leider Nein (verboten)

5. September 2014, 16:01
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Glauben Sie ja nicht, wir Journalisten seien so frei wie wir tun. Denn in Wirklichkeit sind wir von Vorurteilen besessen und an Sensations- und Anerkennungsgeilheit erkrankt und schreiben deshalb gar nicht was wir wollen, sondern was wir für klicktreibend und aufmerksamkeitssteigernd halten. Ausserdem werden wir von einem rigiden internen Regelwerk geknechtet. Geregelt sind nicht nur der Umgang mit der neuen deutschen Rechtschreibung, Schreibweisen zur Vermeidung von Geschlechterdiskriminierung (wir benützen zum Beispiel das Binnen-I, damit Programmiererinnen nicht immer schulterzuckend denken müssen, sie seien halt einfach mitgemeint) sondern auch vom Chef brutal mit der Peitsche in der Hand durchgesetzte Vorschriften bezüglich der Koppelung von Wörtern, insbesondere wenn es um Wortgebilde aus mehreren Sprachen wie etwa Windows-Phone-64-Bit-Entwicklungsumgebungen geht. Ausserdem sind je nach Redaktion unterschiedliche Wörter, Begriffe oder Titel verboten.
So habe ich gehört, bei einem Schweizer IT-Medium sei generell der Begriff "neu" pfui. Deshalb sind in diesem Blatt dann alle neuen Server, Storage-Einheiten, Geschäftsmodelle und Smartphones "frisch" und nicht "neu", was der ganzen Techschreiberei durchaus einen romantischen Touch verleiht. Auf jeden Fall bei den ersten fünf Mal.
Bei uns hingegen sind Titel, in denen das Wort Apple sowie ein Fragezeichen vorkommen, verpönt. Überhaupt Titel, in denen Smartphones, Tablets, Irgendein-"Gate", Wearables, Drohnen, Pferde und selbststeuernde Autos mit Fragezeichen kombiniert werden. Die Story mit dem Titel "Lanciert Samsung den 7-Zoll-iPhone-Killer am Sonntag in Pyeongchang? dürfte also nicht bei uns und wenn doch, dann an einem sehr, sehr nachrichtenarmen Tag erschienen sein. Oder der Praktikant hat sie gepostet, als der Mann mit der Peitsche grad in Caduffs Wineloft den Chefredaktör gab. Ebenfalls verzichten wir auf Titel, in denen primäre und sekundäre Geschlechtsteile vorkommen, auf Storys mit Bildern von herzigen Büsis und Hündli und versuchen die Verwendung von "Blut" (das dritte "B" der beliebten drei "B"s), "Krieg", "Killer" und "Schlacht" und ähnlich martialischen Begriffen einzuschränken. Nicht dass aus jeder stinknormalen Konkurrenzsituation gleich ein blutiger Krieg wird. Von denen gibt's nämlich genug echte.
Umstritten sind bei uns auch Gadget-Geschichten, die man zwar gerne schreiben würde, weil Gadgets lustig sind und man welche bekommt, wenn man darüber schreibt, sowie Storys, die man nur guten Freunden zuliebe macht, damit sie zu etwas Gratis-Werbung kommen. So haben wir nix über die Notebook-Taschen ("Tragelösungen mit modernster Ortungstechnologie": Boah!) geschrieben, bei denen man dank einem Tracker der guten Freunde von LostnFound auf dem iPhone live mitverfolgen kann, wie sie (die "Tragelösung" ohne Notebook) gemächlich den Rhein hinabschwimmt, in den sie der Dieb geschmissen hat. Apropos Rhein: Auch über "die Zukunft der nautischen On-Board-Entertainment-Systeme" haben wir nix geschrieben. Ebenso ignoriert haben wir den wichtigen Launch der "App aus Heidelberg", die "Online Dating revolutioniert", weil sie ein "innovatives Matching" hat, das auf "Location-, Event- und biometrischen Informationen" basiert, so dass der "Nutzer mit dem biometrischen Filter gezielt jemanden suchen und den verpassten Flirt über eine anonyme Flirtbotschaft ansprechen" kann. Gut, dass der Mann mit der Peitsche auf uns aufpasst. (Christoph Hugenschmidt)

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