Leider Nein (vierter Streich, innovativ)

27. Januar 2012, 16:39
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Vieles ist schnell daher geplappert und genau so schnell geschrieben (ausser diese Kolumne natürlich, die wird immer in vollster Aufmerksamkeit verfasst, todernst, todsicher). Für uns Grund genug, inne zu halten, das Cheminée einzuheizen, die Füsse in Filzpantoffeln zu stecken, genüsslich in den Lehnstuhl zu fallen, zur Meerschaumpfeife zu greifen und den Wörtern, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert werden und, die wir gar nicht mehr als Wörter wahrnehmen, sondern nur noch als kitschige Beleuchtung, mal auf den Grund zu gehen.
Wir meinen die Wörter, mit denen die Marketing- und Kommunikations-Lautsprecher (Der Autor dieser Kolumne ist ja selbst einer - Red.) um sich werfen, um modern, interessant und intelligent zu wirken. Die Lautsprecher selbst würden das wohl als "New Marketing Jargon" bezeichnen oder "Enhanced Meta Language". Alles Käse (extra salzig), wir nennen das "Dummelwörter", weil man damit etwas dümmlich einen Eindruck erschummeln möchte.
"Proaktiv" ist so ein Dummelwort, das sich in den letzten ca. 15 Jahren in den Aktivwortschatz der Manager geschummelt und wie ein hochansteckender Virus verbreitet hat. Das Gegenteil von passiv ist aktiv. Proaktiv wäre dann so etwas wie der Zustand vor dem aktiv werden. Was das Dummelwort aber eigentlich aussagen möchte, ist prophylaktisch oder zu Deutsch vorbeugend.
Während wir weiter an der Meerschaumpfeife nuckeln, bringt uns das Wort "nachhaltig" zum Husten. Das Wort macht ja eigentlich Sinn, wurde aber hauptsächlich in der Ökonomie und Ökologie verwendet, um auszusagen, dass die nachfolgende Generation durch die Tätigkeiten der vormaligen Generation keinen Nachteil erfährt und ein so seiendes Produkt darum sehr wohl seine Daseinsberechtigung hat. Jetzt kann man natürlich darüber streiten, wie lange denn eine Generation ist, vor allem bei technischen Geräten ist die mitunter kürzer als das Leben einer Eintagsfliege. Damit man der Klaustrophobie dieser Definition ausweichen kann, empfehlen wir stattdessen die Verwendung von beständig oder anhaltend. Macht es zudem klarer.
Eines der schönsten Dummelworte überhaupt ist "Digital". So gibt es "Digitales Marketing", "Digitale Kommunikation", "Digitales Home Living" etc. Will man die Bedeutung von "digital" ausgraben, muss man nicht eben Archäologe sein. Etwas mit dem Schürhaken im Cheminée rumstochern reicht vollends. Digital bezeichnet ja ursprünglich den Finger betreffend. Den zog man heran, als man herausfand, dass es für eine Signalübertragung besser ist, nur den Zustand volle Spannung (Finger ausgestreckt) und keine Spannung (Finger eingerollt) zu unterscheiden, als wenn man versucht, aus allen Zuständen dazwischen eine Analogie abzulesen. Digital bezeichnet also die Art des Signals und nicht etwa den Kanal. Digitale Kommunikation bedeutet somit nur, dass ich entweder kommuniziere oder nicht (weshalb es uns Wunder nimmt, was denn ein "head of digital marketing" zu diesem machte. Ob er den Finger schöner ausstrecken kann? Oder schneller?).
Das Ganze wird noch viel lustiger, wenn man sich überlegt, dass die Print- oder Offline (also die ohne-Schnürchen)-Medien dann ja die analogen Medien wären, was ja genau so ein Schmarren ist. Ist das Signal digital, wie heisst denn der Kanal? Ganz einfach "elektronisch", denn die Information wird nicht physisch (also per Brieftaube oder -träger) übermittelt, sondern eben elektronisch. Übrigens: Über den elektronischen Kanal kann man sowohl ein analoges wie ein digitales Signal schicken, auch weltumspannend, also "global". Womit wir beim nächsten Dummelwort angelangt sind. Würde man der inflationären Verwendung des Wortes "global" Glauben schenken, müsste so manches weltumspannend sein, das einfach in ein paar Ländern, also international, verfügbar ist.
"Wo bleibt der Stoff" mögen Sie sich denken, wenn Sie bis hierhin (danke!) gelesen haben. Eigentlich wollten wir noch etwas zu "innovativ" ausführen, aber wir erinnern uns an Lämpels Schicksal und bevor uns die Meerschaumpfeife um die Ohren knallt, schreiben wir die gewünschte Anschauung: So wirbt der Haupt-Verlag für ein Fachbuch, der findet "I love to inspire and maximize leaders", zum Beispiel mit der Feststellung "Proaktive Menschen sind frei". Aha!
Technik ist ja ein abstraktes Geschäft. Da spricht man gerne auch von globalen Variablen. Das geht bei uns ja noch durch, aber die Anleitung der TU Darmstadt meint, dieser haben bei ihm "angezogen". Ist wohl ein Artikel über Gravitation, alles andere macht keinen Sinn, denn nur diese zieht weltweit alle Absätze an.
In dieser kuschelig warmen Luft schliefen wir ein. Als wir am nächsten Tag erwachten, war der Raum kalt, die Pfeife aus. Gut hatten wir vorgesorgt und genügend Holz aus einem umsichtig gepflegten regionalen Wald gekauft. So können wir ihnen auch nächste Woche wieder auf dem elektronischen Weg Neuigkeiten auf ihren Bildschirm zaubern. Oder wie es im "New Marketing Jargon" heissen würde: Dank globalem Sourcing und proaktiver Planung stellen wir nachhaltig sicher, dass sie auch nächste Woche innovative News von unseren Digital Journalists erhalten. Urks! (Marc Werlen. Der Gastautor ist tagsüber Leiter Marketing von Brack Electronics)

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