Leider Nein (wie die anderen)

13. März 2015, 17:10
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Und plötzlich gab es auf allen Kanälen nur noch die Story von dem jungen Mann, der sein Leben und die Sache mit der Gewalt nicht so richtig im Griff hat, und von den Kosten, die der Versuch verursacht hat, die schiefe Bahn in die Horizontale zu bringen. Kaum waren der junge Mann und die Empörung über die schönen Steuerfranken vergessen, kam die "Bund-beschafft-Software"-Phase, in der alle, vom Inland-Redaktor des Leitblatts bis zum Analysten des Anzeigers von Mörel-Filet scharfsinnig und täglich und immer wieder neu aufdeckten, dass der dumme Bund die ganze Zeit und immer wieder die falsche Software viel zu teuer bestellt. Danach kam Zug und "Fremdküssen" - vielleicht wars auch ein übler Fall von Gewalt - aber das muss einem nicht kümmern, denn alle schrieben von "Sex-Affäre" also mussten alle von "Sex-Affäre" schreiben und vorher war der Kindermord, an dem natürlich nicht die Mörderin schuld war, sondern eine böse, böse Behörde, die die falsche Software - sorry - falsche Öffnungszeiten hatte. Und mindestens einmal pro Woche muss jedes Medium irgendeine lustige Geschichte über Nordkorea bringen.
Warum schreiben immer alle über das gleiche? Warum fanden zum Beispiel diese Woche 'Blick am Abend' ("Angst") und '20 Minuten' ("Widerstand") heraus, dass Zürcher Schulen (seit 2013!) mit WLAN ausgerüstet werden und es Leute gibt, die dies nicht toll finden, wie der Tages-Anzeiger auch diese Woche herausgefunden hat?
Weil JournalistInnen in einem Kokon leben, laufend die Produkte von anderen JournalistInnen konsumieren und Angst haben, eine Story zu verpassen und deshalb das gleiche machen wie alle. Weil eine Story, die überall aufgegriffen wird, wichtig sein muss, weil sie überall aufgegriffen wird, was sie nicht würde, wenn sie nicht wichtig wäre. Und so ist gut möglich, dass an dem Tag, an dem ich mir wie gleichzeitig ungefähr 5000 andere JournalistInnen im Westen den Kopf darüber zerbreche, wie jetzt dieses Bitcoin-Mining-Dings funktioniert, um dann die LeserInnen mehr oder weniger verständlich darüber aufzuklären, wie dieses Bitcoin-Mining-Dings funktioniert und weshalb es wichtig ist – dass an diesem Tag ein junger Mathematiker in der Mongolei ein bahnbrechendes, weltveränderndes neues Konzept vorstellt. Und keiner merkts. (Christoph Hugenschmidt)

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