Leider Nein (wir müssen reden)

16. September 2016, 15:54
  • kolumne
  • leider nein
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.

Was denken Sie, wenn Sie "Wir müssen reden" hören? Genau: Seitensprung-Beichte, Ankündigung des Anfangs des Endes einer Liebesbeziehung, eine unangenehme Diskussion über Geldsachen oder der erneut und radikal vorgebrachte Hinweis, dass der oder die, der oder die reden muss, verdammt nochmal endlich den Putzplan einzuhalten habe und der oder die reden Wollende, die Schnauze voll habe. So Zeugs halt.
Weit gefehlt. So leitet der moderne potentielle Arbeitnehmer ein Bewerbungsschreiben, respektive das Begleitschreiben zum Motivationsschreiben eines Bewerbungsschreibens ein. Man merkt schon, dass Selbstmarketing heute zur Grundausbildung knapp nach der Primarschule gehört und dass den potentiellen Arbeitnehmern spätestens auf dem RAV eingeprügelt wird, sie hätten so originell zu schreiben, dass dem potentiellen Brötligeber schon nach den ersten Zeilen klar wird, was für ein USP-geladenes, ideenreiches, innovatives und Business-verstehendes Prachtexemplar da vor der Türe steht.
Blöd nur, dass eben alle BewerberInnen gelernt haben, ungeheuer originell und zielgruppengerechte Motivationsschreiben zu verfassen, die vor der Motivation, genau in deiner Bude genau den Job, der zu haben ist, machen zu wollen, strotzen. Die Motivationsschreiben sind alle gleich lang, beginnen alle mit einer mehr oder weniger geglückten Beschreibung des zu habenden Jobs und des zu gewinnenden Brötligebers, fahren mit der Beschreibung der genau passenden Top-Fähigkeiten, -Kompetenzen und Interessen des Top-Bewerbers für den interessanten Top-Job und enden damit, dass wir uns kennenlernen sollten. Ganz innovative BewerberInnen ergänzen das Werk mit ein paar kurzen Hinweisen, wie das Business-Modell des potentiellen Brötligebers vorteilhaft zu verbessern und ergänzen wäre und zeichnen so den wegen der Genialität des Bewerbers unweigerlich bevorstehenden Aufstiegspfad des potentiellen neuen Mitarbeiters schon mal vor.
Doch das alles nützt nichts, denn weil die Motivationsschreiben alle gleich einmalig, individuell und originell sind, kann man sie nicht auseinanderhalten, so dass der oder die potentielle neue MitarbeiterIn eben doch wieder in der Masse der anderen potentiellen neuen MitarbeiterInnen verschwindet und die ganze Motivationsschreiben-Bastelei für die Katz und volkswirtschaftlich schädliche Verschwendung von Kreatitivität ist. Liebe RAV- (und andere) BewerbungstrainerInnen. Wir müssen reden. (Christoph Hugenschmidt)

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