Luzerner Kantonsgericht publiziert Urteilsbegründung in Comparex-Bison-Affäre

22. April 2020, 15:25
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Der Wechsel der Belegschaft zu Bison sei nicht das Ergebnis gezielter Falschinformationen gewesen. Bei Comparex habe Unzufriedenheit geherrscht, so das Gericht.

Der Wechsel der fast ganzen Belegschaft der IT-Firma Comparex zu Bison im Jahr 2010 war nicht das Ergebnis einer gezielten Falschinformation gewesen. Vielmehr sei die Unzufriedenheit der Mitarbeiter gross gewesen. Zu diesem Schluss kommt das Luzerner Kantonsgericht, wie aus der Veröffentlichung der Begründung der im Januar gesprochen Urteile hervorgeht
Comparex gehörte mehrheitlich einem deutschen Unternehmen sowie zu 30 Prozent dem Softwareunternehmen Bison. Der Geschäftsleiter von Bison war Mitglied des Comparex-Verwaltungsrats, trat aber wegen Unstimmigkeiten im April 2010 zurück.
An einer darauf folgenden Mitarbeiterinformation erklärte der Bison-Geschäftsleiter den Comparex-Angestellten, dass Bison jedem eine Stelle zu denselben Konditionen anbiete. Dabei hatte er bereits für jeden Comparex-Mitarbeiter ein unterschriftsreifes Stellenbestätigungsschreiben zur Hand. Zuvor hatte er Kündigungen bei der Comparex-Muttergesellschaft in Deutschland erwähnt. Innerhalb weniger Tag wechselte 90 Prozent der Comparex-Belegschaft zu Bison. Ihnen folgten auch wichtige Kunden.

Urteile im Januar gesprochen

Die Luzerner Staatsanwaltschaft brachte wegen der Massenkündigung den Bison-Geschäftsleiter, den Chef von Comparex sowie vier weitere Comparex-Kadermitglieder vor Gericht. Die sechs Beschuldigten wehrten sich gegen eine erste Verurteilung 2016 durch das Kriminalgericht. Das Kantonsgericht sprach die Männer im Januar 2020 zwar nicht frei, verhänge aber mildere Strafen.
Wie die Vorinstanz sprach das Kantonsgericht den Bison-Geschäftsleiter der ungetreuen Geschäftsbesorgung schuldig. Es kam aber zum Schluss, dass der Beschuldigte die Comparex-Belegschaft nicht mit einer gezielten Falschinformation über eine Strategieänderung beeinflusst habe. Vielmehr habe dort eine grosse Unzufriedenheit geherrscht. Der Bison-Geschäftsleiter habe Know-how für sein Unternehmen sichern wollen. Sein Ziel sei es aber nicht gewesen, fast die ganze Comparex-Belegschaft abzuwerben, schreibt das Kantonsgericht. Er habe aber seine Loyalitätspflichten als Comparex-Verwaltungsrat verletzt, auch wenn er kurz zuvor aus diesem zurückgetreten sei.
Das Kantonsgericht kürzte die Strafe für den Bison-Geschäftsleiter wegen der langen Verfahrensdauer um vier Monate auf zwei Jahre. Die Strafe wurde zudem vollständig bedingt ausgesprochen.
Besser weg als beim Kriminalgericht kam der Comparex-Chef. Er wurde vom Kantonsgericht nicht wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung, sondern wegen Gehilfenschaft dazu verurteilt. Gleiches gilt für die vier weiteren angeklagten Geschäftsleitungsmitglieder von Comparex. Das Kantonsgericht kam zum Schluss, dass diese fünf Beschuldigten den Schaden für Comparex nicht verursacht hätten.
Sie hätten aber die Abwerbung der Belegschaft erschweren können. Vor allem der Chef hätte alles unternehmen müssen, um den sich abzeichnenden Schaden abzuwenden. Seine Untätigkeit sei eine gravierende Pflichtverletzung.
Der Comparex-Chef und der Bison-Geschäftsleiter haben nach Ansicht des Kantonsgerichts nicht in Mittäterschaft gehandelt. Es halbierte die Strafe für den Comparex-CEO deswegen auf 14 Monate bedingt. Die vier weiteren Geschäftsleitungsmitglieder wurden mit bedingten Geldstrafen bestraft.
Die sechs Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

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