"Manche werden bluten"

19. November 2007, 17:08
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Fujitsu Siemens-Chef Bernd Bischoff im Gespräch mit inside-it.ch über die Konsolidierung im PC-Geschäft.

Fujitsu Siemens-Chef Bernd Bischoff im Gespräch mit inside-it.ch über die Konsolidierung im PC-Geschäft.
Sowohl Acer wie Lenovo verkünden lauthals, sie wollten weltweit die Nummer 1 im PC-Markt werden. HP ist es schon, Dell will es wieder werden. Je mehr PCs zu Commodities werden, desto mehr zählt die schiere Grösse. Wo sehen Sie die Zukunft von Fujitsu Siemens als PC-Hersteller?
Bernd Bischoff: Wir haben uns die letzten 10 Jahre gegen HP und Dell ganz gut gehalten und werden das auch die nächsten 10 Jahre tun. Wir haben nicht die Skaleneffekte der ganz Grossen. Man man muss aber die Frage stellen, wie gross die Kostenunterschiede für Hersteller, die 30 und solche, die fünf Millionen Stück pro Jahr bauen, wirklich sind. Bisher machten uns die Einkaufskosten nicht wettbewerbsunfähig. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang ein 'state-of-the-art' Supply-Chain-Management. In diesem Punkt sind wir sehr gut aufgestellt. Schauen Sie nur, welche Preise wir in den letzten Jahren abgeräumt haben. Zum Beispiel von der INSEAD und den bayrischen Staatspreis für Qualität. Ausserdem wollen wir kein reiner Volumenhersteller wie Lenovo sein. Wir sind ähnlich wie HP. Wir haben je ein Consumergeschäft, das etwa 20 Prozent des Umsatzes ausmacht, und ein Infrastrukturgeschäft, also Produkte, Lösungen und Services. Nehmen Sie Flexframe für mySAP: Das besteht aus Hardware wie Servern und Storage, aus FlexFrame-Software sowie Services für die Installation oder sogar das Management für den Kunden. Da liegt der Schwerpunkt unserer Strategie.
Das Consumergeschäft hat es vorgemacht. Es wird getrieben durch innovatives Potential. Nicht umsonst sind Firmen wie Intel und Microsoft hier so engagiert. Ausserdem ist es wichtig, um den nötigen Erfolg hinzukriegen.
Alles in allem: Wir wollen nicht um jeden Preis die Nummer 1 werden. Acer will ja einfach andere kaufen. Packard Bell macht seit Jahren Verluste - diese Vorgehensweise passt nicht zu unserer Philosophie.
Unsere Strategie ist, noch deutlicher als in der Vergangenheit ein Infrastruktur-Provider zu werden. Dazu gehören auch Mobility-Solutions. Es gibt Lösungen, bei denen wir mindestens ein bis eineinhalb Jahre Vorsprung haben, etwa bei Virtualisierung und Automatisierung. Wir zeigen hier in Augsburg auch schon einen 'virtual PC'. Da gehen wir voran. Ob wir 10 oder 12 Prozent Marktanteil haben, ist für mich nicht so wichtig. Wichtig ist mir, dass wir ein gutes Wachstum haben und einigermassen gut Geld verdienen. Zusammen mit Fujitsu sind wir Nummer 5. Ich glaube nicht, dass die Welt künftig von nur vier Herstellern beherrscht wird. Da wird noch genug Platz für uns als fünftgrössten sein.
Aber ich sehe Ihre Argumentation schon: Acer, Lenovo und auch Dell setzen voll auf Volumen. Man kann die Skaleneffekte nicht ganz wegleugnen, aber man ist noch lange nicht zum Tode verurteilt, wenn man kleiner ist. Wir können mit Innovation vorwärts kommen. "Green IT" wie von uns bekommen Sie sicher nicht von Lenovo und Acer. Für die Kunden wird das aber immer wichtiger.
Fujitsu Siemens ist in BRIC-Märkten (Brasilien, Russland, Indien, China), die heute schnell wachsen und wo man auch Geld verdienen kann, nur in Russland vertreten. Kann ein PC-Hersteller überleben, ohne dort präsent zu sein?
Wir sind in Russland und Fujitsu in den anderen BRIC-Märkten. Fujitsu verkauft ja auch Produkte von uns, wie wir von ihnen. Wenn Fujitsu unsere gemeinsamen Produkte in Amerika und Asien verkauft, so hilft uns das auch.
Auch im Unix-Server-Markt ist Fujitsu Siemens ebenfalls im Verhältnis zu Sun, IBM und HP ein kleiner Player. Was ist Ihre Strategie? Bleiben Sie im Unix-Markt?
Der Unix-Markt wächst nicht mehr, sondern die Intel-Architektur mit Linux und Microsoft löst immer mehr Unix ab. Ich glaube, HP-Unix, AIX und Solaris wird es auch in 10 Jahren noch geben, nur mit einer kleineren installierten Basis. Der Trend geht in Richtung Virtualisierung und Automatisierung auf Standard-Technologien. Intel bringt bereits Quad-Core-Prozessoren. Wenn Sie vier solche Prozessoren auf ein Board bauen, haben sie bereits einen 16-Weg-Server. Performance-mässig kommt da bald kein Mainframe mehr mit. In fünf Jahren werden selbst grosse Finanzinstitute auf Standard-Technolgien gehen, weil die Sicherheit und Verfügbarkeit gewährleistet sein wird. Bereits heute hat man mit Blades eine höhere Ausfallsicherheit als irgendein Cluster bieten kann.
Wie wichtig ist die SPARC / Unix-Schiene für Fujtsu Siemens überhaupt noch?
Für uns sind SPARC-Maschinen wichtig, weil wir Kunden haben, die sie einsetzen. Wir werden diese Kunden solange bedienen, wie sie das wünschen. Aber gleichzeitig zeigen wir die Vorteile von 'Dynamic Datacenter' auf Standard-Technologien auf. Da werden die Ressourcen effizienter genutzt, was auch die Kosten senkt. Die strategische Richtung für uns ist ganz klar die Intel-Architektur, Linux, Microsoft und Virtualisierung - also 'Dynamic Datacenter'. Und da stehen wir eben vor den zwei anderen, die auch Rechenzentren bauen können, vor IBM und HP.
Fujitsu Siemens ist auch bei Services nicht Marktführer. Dazu kommt, dass Sie nicht weltweit präsent sind, also Grossunternehmen nicht bedienen können...
Das ist falsch. In den USA und in Asien erbringt Fujitsu die Services, wir in Europa. Das ist dem Kunden egal. Grossfirmen wollen einen vertraglichen Ansprechpartner und weltweit den gleichen Service-Level zum vereinbarten Preis. Das bekommt er von uns. Wir haben Kunden wie die Deutsche Bank und UBS. Ein Drittel der Server bei UBS kommt von Fujitsu Siemens. Für UBS erbringen wir auch Dienstleistungen.
Bei den Services gehen wir bis hin zu Outtasking, machen aber kein Outsourcing. Wir haben Grosskunden, bei denen wir bis zu 25'000 Server managen.
Sind Services ein Wachstumsfeld für Fujitsu Siemens?
Es ist eines. Immer mehr Kunden holen 'mission critical' Systeme ins eigene Haus zurück, lagern dann aber bestimmte Aufgaben an uns aus. Wir haben einige Kunden, für die wir die Speichersysteme managen. Der Kunde zahlt dann pro benötigtem Megabyte. Unser Dienstleistungsgeschäft ist aber nicht in allen Ländern gleich stark. Wir haben das Geschäft ja von Siemens gekauft und sind beispielsweise in Deutschland und England hervorragend positioniert. In der Schweiz sind wir aber erst daran, unsere Fähigkeiten aufzubauen.
Für mich ist SaaS ein Megatrend. Applikationen werden mehr und mehr aus dem Internet bezogen. Das bedeutet aber auch, dass Clients weniger wichtiger werden. Fujitsu Siemens ist nun aber eine stark auf Clients fokussierte Firma. Wie reagieren Sie?
Ich denke, der Trend zu SaaS ist da. Aber SaaS-Anbieter werden weiterhin Server brauchen. Ausserdem stimmt der Trend für den KMU-Markt, aber nicht für Grossunternehmen. SAP bietet heute "Software als Service" und zwar auf unseren Systemen. Ich glaube, in Europa laufen die meisten 'hosted" Angebote von SAP auf unseren Systemen.
Auch private Nutzer werden nicht mehr alle Software von Microsoft kaufen, sondern bei Bedarf im Internet mieten. Ich glaube aber nicht, dass deswegen weniger Hardware verkauft werden wird. Die Business-Modelle verändern sich: Kleinfirmen werden keine eigene IT mehr haben. Aber wenn sie SAP aus dem Netz beziehen, dann werden sie kurze Antwortzeiten verlangen, weshalb der Anbieter wieder mehr Hardware brauchen wird. Kurz: Ich glaube nicht, dass SaaS die IT-Industrie Umsätze kosten wird. Je grösser die Rechenzentren werden, desto mehr kann ein Hersteller wie wir etwas einbringen und sich auch von der Konkurrenz unterscheiden.
Schauen Sie unseren 'Virtual Client' an. Da sind wir der erste Hersteller, der so etwas vorstellt. Auf einem unserer Blade-Server laufen beispielsweise 50 PCs. Eine Grossfirma mit fünzigtausend Clients kann mit diesem Konzept extrem viel Geld sparen, weil das Management sehr viel einfacher ist.
Letzte Frage: Was würden Sie Lenovo auf ein Übernahmeangebot antworten?
Mich könnte man gar nicht fragen, weil die Firma nicht mir gehört. Lenovo müsste zum Joint-Venture gehen. Ich glaube aber nicht, dass wir der ideale Übernahmekandidat für Lenovo wären.
Es wird eine weitere Konsolidierung geben. Einige Player werden ganz verschwinden, denn es macht keinen Sinn, lokale Hersteller zu kaufen. Wenn, dann gibt es Übernahmen wie diejenige von Gateway durch Acer. Damit kommt Acer zu einem Standbein in Amerika. Wenn ich hinter uns schaue, dann gibt es noch ein paar Japaner und die lokalen Hersteller. Ich glaube, die werden möglicherweise verschwinden. Die Konsolidierung wird passieren und wir werden nicht zu den Konsolidierten gehören.
Ich glaube, unsere Strategie passt ganz gut in die Landschaft. Wir sind ein Infrastrukturanbieter, der sich voll auf seine Partner konzentriert. Auch eine Accenture wird nicht verschwinden, obwohl IBM und HP alles anbieten wollen. Das macht Firmen wie Accenture zu unseren idealen Partnern. Richtig ist aber, dass der Wettbewerb nicht geringer wird. Manche werden bluten, aber das sind wir seit Jahren gewohnt. (Das Gespräch führte Christoph Hugenschmidt)

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