Marktforscher stehen Gaia-X skeptisch gegenüber

12. November 2020, 14:33
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Ein Forrester-Papier glaubt, die "europäische Cloud" komme spät. Das ist möglicherweise zu kurz gedacht.

Die EU-weite "europäische Cloud" Gaia-X nimmt langsam Gestalt an. 2021 bereits soll der Launch stattfinden, aktuell arbeiten laut den Verantwortlichen rund 300 Organisationen "aus verschiedenen Ländern in diesem europäischen Projekt eng zusammen." Gaia-X wird damit zum Gesprächsthema bei Anbietern, Partnern, Organisationen und CIOs.
Entsteht eine Konkurrenz zu den US- und China-Hyperscalern in einer Public-Private-Partnerschaft? Falls ja, muss mich dies kümmern?
Die US-Marktforscher Forrester Research publizieren nun eine Zusammenfassung, welche unter dem Titel "Demystifying Europe's New Sovereign Data Cloud" Missverständnisse klären soll und gleichzeitig CIOs vor überhasteten Schritten warnt.
Forrester glaubt, dieses Gaia-X-Projekt sei bis anhin eine abstrakte Erklärung von Absichten und noch nicht spezifisch genug. "Diese Arbeit muss noch vervollständigt und in echte Dienstleistungen verwandelt werden, welche CIOs überzeugen können."
Time-to-Market sei erfolgsentscheidend, glauben die Marktforscher: Bis im Frühjahr 2021 müsse ein Minimum Viable Product von Gaia-X vorliegen und damit mehr als gemeinsame Standards und Implementierungs-Konzepte (welche noch nicht vorhanden sind). "Diese Arbeit muss schnell abgeschlossen werden und sich als wertvoll erweisen, um die CIOs davon zu überzeugen, dass die Gaia-X-zertifizierten Dienste für die Bewältigung ihrer sensiblen Workloads qualifiziert sind", glauben die Autoren.
Ihr Argument: Gaia-X komme spät in den Markt, den Hyperscaler und spezialisierte Cloud-Anbieter wie die Schweizer Firma Cloudsigma aktuell unter sich aufteilen. Unabhängig von den Geldern, die in die Entwicklung der europäischen Cloud-Dateninfrastruktur investiert werde, würden auch AWS, Google, Microsoft und Co. erkleckliche R&D-Budgets aufwerfen.
Ganz abgesehen davon seien die Kunden der Hyperscaler im Allgemeinen zufrieden und verspürten keine Wechselgelüste, so Forrester basierend auf einer Umfrage mit einigen Hundert Entscheidungsträgern.

Digitale Souveränität als Hauptargument

Inwiefern die Marktauguren in einer Hybrid-Cloud- und Multicloud-Welt recht behalten, wird sich zeigen. Gaia-X ist sicher einer der Faktoren, die kein CIO, kein Cloud-Anbieter unbeachtet lassen kann, denn der "kalte Krieg" zwischen USA und China dürfte auch unter einem Präsidenten Joe Biden weitergehen, so unsere Tech-Politik-Analyse.
Abgesehen davon ist "Digitale Souveränität" für Europa (wie übrigens für die Schweiz) in der To-do-Liste nach oben gerückt und scheint bei den in der EU einflussreichen Regierungen von Deutschland und Frankreich eng mit dem Gaia-X-Konzept verknüpft. "Wir erleben wachsende internationale Spannungen und Handelskonflikte. Europa muss auf Dauer digital souverän agieren können", argumentiert die deutsche Regierung zum Thema "Datensouveränität". Dies ist eines von drei Hauptargumenten, welche die inzwischen offiziell gegründete Non-Profit-Organisation für Gaia-X anführt.
Ein Professor des Fraunhofer Instituts erklärt das Vorhaben Gaia-X

Die ersten Kunden scheinen klar

Zudem findet die wohl mit Gaia-X verknüpfte Idee einer "European Alliance for Industrial Data and Cloud" breiten Anklang in der EU.
Die beiden anderen Argumente sind Datenverfügbarkeit ("Wir brauchen eine Dateninfrastruktur, auf der wir vertrauensvoll, sicher sowie transparent Daten austauschen und verarbeiten können. Nur so können wir die skalierenden Vorteile grosser Datenbestände in Europa nutzen") sowie Innovation. Mit Gaia-X entstehe ein europaweites, digitales Ökosystem mit neuen Produkten und Services: Unternehmen könnten auf dieser Basis "Geschäftsmodelle aus Europa heraus weltweit wettbewerbsfähig skalieren," so die Gaia-X-Gründer.
Es gilt als wahrscheinlich, dass europäische Verwaltungen zu den ersten Kunden dieser Services gehören werden, um deren Wert zu zeigen und eine Anschubfinanzierung zu sichern. Die 300 Partner – darunter BMW, Bosch, DE-CIX, Deutsche Telekom, Fraunhofer Gesellschaft, T-Systems, SAP und Siemens – wollen sich anfangs auf 42 hochkarätige datenbezogene Use Cases fokussieren, die den Austausch sensibler Daten definieren, beispielsweise persönliche, sensible Daten und Intellectual Property.

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