Meinung: Die Schweiz braucht dringend eine Informatiker-Ausbildungoffensive

3. Oktober 2005, 14:26
image

Ein Diskussionsbeitrag von Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik.

Ein Diskussionsbeitrag von Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik.
IT-Manager möchten mehr Qualität – aber es fehlen die richtigen Leute dazu...
"Die Informatik muss professioneller werden." "IT-Strategie und Organisation gewinnen an Bedeutung." "Sicherheit ist eine permanente Herausforderung." "IT-Projektmanagement muss strukturierter werden." – Das sind auf den Punkt gebrachte die wichtigsten Forderungen und Aussagen, die 135 Schweizer IT-Chefs kürzlich in einer KPMG-Studie über Trends in der Schweizer Informatik machten.*
Die Realität auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sieht allerdings ganz anders aus: Nur knapp 20 Prozent der 110'000 Informatiker/-innen haben einen Abschluss mit eidgenössischer Anerkennung! In keinem anderen Schweizer Berufszweig ist der Anteil so tief. Die Informatik lebt von Autodidakten und produkteorientiert Ausgebildeten (All die MCSEs, CSEs, usw.). Zu häufig fehlt ein gutes Fundament mit entsprechend breitem konzeptionellen Wissen auf dem sich aufbauen liesse. Die Alumni der Wirtschaftsinformatik der Universität Zürich haben kürzlich eine Podiumsdiskussion durchgeführt, an der das Problem klar auf den Tisch gebracht wurde: Es fehlt an qualifizierten Leuten, Hunderte offener Stellen können mangels Qualifikation nicht besetzt werden. Es fehlt an Applikationsentwicklern, Projektleitern, Verkaufsberatern usw. Da muss man heute ansetzen und zwar dringend.
Ungenügende Bildung der Informatiker/-innen
Seit 1975 gibt es die Informatik-"Meisterprüfung", den sog. eidg. dipl. Wirtschaftsinformatiker-Abschluss. Seither haben 7’360 den Fachausweis und 3’463 das Diplom bestanden. Somit haben 3% des Informatiker-Bestandes die "Meisterprüfung". Seit 1985 kann man ein Informatik-Studium absolvieren. In den Boomjahren um die Jahrtausendwende nahmen jeweils ca. 400 Studenten in Zürich dieses Studium auf. Heute sind es noch 200 pro Jahr. Wobei erfahrungsgemäss rund ein Drittel im Verlauf des Studiums ausscheidet. Das heisst, dass im 2008 vielleicht 120 bis 140 ETH- und Uni-Informatiker auf den Markt (oder ins Ausland) gehen. Ende der Neunziger Jahren waren es 100 bis 150. Deutlich zu wenig für das grosse, wichtige und komplexe Berufsfeld.
Bei den Fachhochschul-Studentenzahlen sieht es nicht besser aus. In den Jahren 2002/03/04 verliessen 87, 116 und 151 Absolventen die beiden Informatik-Studiengänge der Zürcher Fachhochschule Winterthur. Damit deckt das Angebot die Nachfrage bei weitem nicht. Ein weiteres Problemfeld: Früher schulten die Betriebe ihre Leute nach Bedarf und Weiterentwicklungsüberlegungen, was aber mit zunehmendem Kostendruck und zunehmend angelsächsisch geprägter Personalpolitik zunehmend verloren geht. Arbeitnehmer müssten heute auch bildungsmässig für sich selber sorgen. Aber sie tun es kaum, das belegt die drastisch abnehmende Anzahl der Teilnehmer in höheren Bildungsgängen.
Dies wiederum führt zu einer zunehmender "Auswechsel-Strategie" in den Betrieben: Wenn man eine/-n besser qualifizierten braucht, stellt man ihn an, sofern man ihn findet. Und entlässt die nicht mehr Genügenden. Fazit: Das Berufsfeld Informatik tut zu wenig für seinen Nachwuchs und dessen Qualifikation! Völlig klar, dass für die "Mangelware" der gut qualifizierten Leute übertriebene Saläre bezahlt werden müssen und deshalb die Entwicklung womöglich ins Ausland abwandert! Wollen wir das? Wohl kaum, nachdem wir ja bereits so viele Industriegebiete ins Ausland abwandern liessen...
Grund- und Weiterbildungsoffensive nötiger denn je!
Es ist klar, der Bildungsstand der Informatiker muss deutlich besser werden und darauf stützend ist eine Ausbildungsoffensive zu starten. Heute sollte für alle klar sein: Wer Informatik-Profi werden will, muss eine Informatik-Lehre mit eidg. Fähigkeitszeugnis absolvieren und sollte sich danach weiterbilden. Oder ein ETH- oder Universitätsstudium durchlaufen. Das gilt für alle, sowohl für Jugendliche ab Schule wie für Quereinsteiger/-innen. Die Mär, dass eine Serie von SIZ-Abschlüssen zum Einstieg in die Profiwelt genügt, ist endlich zum Schweigen zu bringen. SIZ in Ehren, aber das ist eine Weiterbildungszertifizierung. Wenn jemand Kaufmann ist und Informatiker werden will, gehört eine zweite Lehre her und kein Kürsli.
Ebenso klar ist für die Weiterbildung zu sorgen: Informatiklehr-Absolvent/-innen sollen sich unbedingt weiterbilden. Rund die Hälfte sollte eine höhere Berufsbildung mit Diplom ("Meisterprüfung") oder einen Abschluss eines Studienganges an einer höheren Fachschule (Informatiker HF) oder Fachhochschule machen (Informatiker FH). Zusammen mit den Studienabgängern käme die Informatik auf diese Weise beim Nachwuchs auf einen mit Asien vergleichbaren Stand....
Gleichzeitig ist etwas für die heutigen Informatiker/-innen zu tun, respektive sie müssen selbst etwas für sich tun, wollen sie nicht zuschauen, wie sie abgelöst werden. Auch hier gilt: Wer es irgendwie (noch) kann, soll einen Abschluss in der höheren Berufsbildung oder höheren Fachschule erreichen. Produktewissen ist zwar auch gut, genügt jedoch nur so lange, wie diese am Markt aktuell sind. Danach werden sie und die dazugehörenden Fachleute abgelöst. So hart das tönt. Aber es ist die Realität. Darum haben wir qualifizierte Arbeitslose und anderseits bestehen Hunderte offener Stellen für qualifizierte Leute, die nicht besetzt werden können.
Lösungvorschlag für Betriebe
Wer an die Zukunft seines Unternehmens glaubt, sollte heute Informatik-Lehrlinge ausbilden oder Praktikumsstellen anbieten. Um die Zukunft seines Betriebs sicherzustellen. Und man sollte keine Personen mehr anstellen, die nicht mindestens das eidg. Fähigkeitszeugnis besitzen. Weiter wäre ein klärendes Gespräch mit den heutigen Angestellten betreffend deren Zukunftschancen und Bildungsdefiziten angebracht. Auch sie sind weiter zu bringen. Sonst kann die berechtigterweise gesuchte Qualitätsverbesserung in der Informatik nicht gefunden werden. Schlussendlich könnten sich Betrieb und Arbeitnehmer zur Weiterbildung einigen: Ein Beitrag beiderseits wäre vielleicht die gute Lösung. Im Interesse beider, des Unternehmens und des Arbeitnehmers. Und zugleich wäre das ein Beitrag für eine volkswirtschaftlich sinnvollere Lösung als das Verlegen in ferne Länder.
(Alfred Breu, Präsident ZLI, Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik)
*„IT Management 2005, Standortbestimmung und Trends in der Schweizer Informatik“ von KPMG Fides Peat, August 2005, zur Zukunft der Informatik in der Schweiz.

Loading

Mehr zum Thema

image

Britische Kartellwächter wollen Microsofts Milliardenübernahme verhindern

Der Kauf des Spieleentwicklers Activision Blizzard führe zu höheren Preisen und weniger Wettbewerb, kritisiert die CMA.

publiziert am 8.2.2023
image

Post zieht positive Bilanz bei SwissID

Seit Sommer 2022 setzt die Post auf die Login-Lösung ihrer Tochtergesellschaft SwissSign. Bereits 3,4 Millionen Nutzende sollen die SwissID verwenden.

publiziert am 8.2.2023 1
image

St. Gallen und Thurgau nehmen neues Ab­stim­mungs­system in Betrieb

Das Ergebnisermittlungssystem für Abstimmungen und Wahlen soll anfangs Frühling zum ersten Mal zum Einsatz kommen. Dank Bug-Bounty-Programm soll es auch sicher sein.

publiziert am 8.2.2023
image

Zoom kündigt 1300 Mitarbeitenden

Nach dem Boom während der Covid-Pandemie und einer Einstellungsoffensive baut Zoom 15% der Belegschaft ab.

publiziert am 8.2.2023