Morgendämmerung oder Dauerkrise in Japan?

7. August 2012, 14:44
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Trends verschlafen, bürokratische Riesenkonzerne, Desindustrialisierung, Überalterung der Gesellschaft. Die japanische Industrie scheint in einer Dauerkrise zu stecken. Doch ist die Realität so düster wie in den europäischen Medien dargestellt?

Trends verschlafen, bürokratische Riesenkonzerne, Desindustrialisierung, Überalterung der Gesellschaft. Die japanische Industrie scheint in einer Dauerkrise zu stecken. Doch ist die Realität so düster wie in den europäischen Medien dargestellt?
Einst belächelt, dann bewundert, leidet Japans Industrie seit vielen Jahren unter der eigenen Schwerfälligkeit und der Deflation im Heimmarkt. IT- und CE-Riesen wie Sony und Panasonic müssen daher immer mehr outsourcen oder im grossen Stil entlassen.
Im Januar 2012 hat NEC weltweit 10'000 Stellenstreichungen angekündigt, im April zog Sony gleich, im Mai kam die Meldung, dass der fünftgrösste Halbleiterhersteller Renesas 14'000 Mitarbeiter oder rund 30 Prozent der Belegschaft vor die Tür setzen will, im Juni hat Olympus Pläne für 2'700 Entlassungen angekündigt und unlängst haben Panasonic und Sharp mit Tausenden von geplanten Stellenstreichungen für Schlagzeilen gesorgt.
Vom Lehnswesen und Harakiri
Neben der Absatzkrise in der schuldengeplagten Eurozone und dem Dauerhöhenflug des japanischen Yen wird vielfach auch Fukushima als Grund für den Stellenabbau genannt. Dabei hat die dreifache Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Super-GAU im Frühjahr 2011 die anhaltende Schieflage bei einigen Unternehmen aber wohl nur verstärkt. Im Gegenteil: Man kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche japanische Konzerne die Katastrophe als willkommenen Anlass nehmen, die traditionellen Loyalitätsbande zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu zerreissen.
Denn so wie die japanische Industrialisierung in der Meiji-Ära (1868-1912) zum Grossteil darauf fusste, dass die Samurais ihre Lehen an den Tenno zurückgaben und dafür in anderer Form entschädigt wurden, hat sich in Japan anders als in China fast ein lehnsmässiges Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer erhalten. In das Bild passt auch das vom Boss, der Harakiri begeht, weil er versagt hat, ebenso wie das vom Konzernlenker, der von der Realität unten wie einst die Fürsten weit entrückt ist, weil niemand sich traut, ihm reinen Wein einzuschenken oder gar an seiner Autorität zu zweifeln.
Deshalb kann sich selbst bei global agierenden Konzernen bis heute ein Bürokratismus halten, der die Unternehmen entsprechend schwerfällig macht. Das hört man manchmal, wenn auch verhohlen, von europäischen Managern, die die Seite gewechselt haben und nun bei Konkurrenten aus Taiwan oder China zwar teils leicht chaotische Zustände vorfinden, dafür aber loben, wie kurz die Dienstwege seien und wie agil sie ihren neuen Arbeitgeber erleben.
Von der Struktur her ähnlich angelegt sind die koreanischen Jaebol, Mischkonzerne wie Samsung und LG, aber wie es heisst, geben sie sich zumindest den Anstrich einer gewissen Agilität und Mitsprache ihrer westlichen Managerkollegen. Deflation, hohe Gehaltsstrukturen und Braindrain sind seit vielen Jahren mit schuld, dass Japans Industrie von rechts wie links, von Korea und China, immer mehr überholt wird.
Von verschlafenen Trends
Abgesehen davon haben sich gerade auch viele namhafte japanische Unternehmen zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht und wichtige Trends verschlafen. Nikon gilt zwar heute neben Canon und Sony als einer der führenden Hersteller von Digitalkameras, ist aber erst 2004 in die Digitalfotographie eingestiegen und damit acht Jahre später als Olympus. Diesen kleineren japanischen Technologiekonzern plagen nach dem 2011 aufgedeckten Finanzskandal ganz andere Sorgen, weshalb er sich gezwungen sieht, Unternehmensteile abzustossen und bis März 2014 rund 2'700 Stellen zu streichen.
Auslagerungsdruck verstärkt sich
Japanische Unternehmen haben massgeblich die Entwicklung von Flachbildschirmen (LCD und Plasma) vorangetrieben und halten auch viele Patente und – wie nach Fukushima offenbar wurde – auch die Nischenproduktion von wichtigen Schlüsselkomponenten. Doch das Marktpotenzial haben sie oft viel zu spät erkannt, was zum Beispiel bei Sony mit dazu geführt hat, dass sie sich in die Abhängigkeit ausländischer Partner begeben mussten.
2004 hat das Unternehmen zusammen mit Samsung den koreanischen LCD-Hersteller S-LCD gegründet – zu gleichen Teilen. Aber es war von vorherein klar, dass Samsung das Geld und das Sagen hatte. Nachdem Sony 2008 den Bau eines neuen 8G-Werkes nicht mehr mitmachen wollte und sich stattdessen in Sharps 10G-Werk eingekauft hatte, hat der koreanische Partner 2011 schliesslich die Sony-Anteile übernommen.
Fukushima verstärkt Trend zu Auslagerung
Mittlerweile müssen sehr zur Freude von Foxconn, der AOC-Mutter TPV und Acer-Ableger Wistron alle japanischen TV-Marken immer grössere Teile ihrer Produktion nach Taiwan oder vielmehr China auslagern. Fukushima hat den Trend nur verstärkt, aber nicht losgetreten, denn vor allem der hohe Wechselkurs des Yen zwingt die japanischen TV-Hersteller zunehmend zum Outsourcing. Wie Digitimes Research im März 2011 schätzte, konnten Taiwans Auftragsfertiger in dem Jahr bereits mit etwa einem Viertel der Weltproduktion von LCD-TVs rechnen, Tendenz steigend.
Die IT-Industrie Japans hat sich schon viel früher dem Druck zur Auslagerung der Produktion gebeugt. Schon seit vielen Jahren gab es kaum noch ein Notebook von Fujitsu oder Toshiba, das nicht von Taiwans Auftragsfertigern wie Quanta, Compal, Wistron und Co. gebaut war. In Japan gilt NEC immer noch als starke PC-Marke, aber weltweit spielt das Unternehmen wie die meisten ehemaligen japanischen Mitbewerber in dem Bereich keine Rolle mehr. Das könnte unter anderem auch daran liegen, dass es früher eine Vielzahl proprietärer japanischer Systeme gab. Konsolidierung tat im Land der aufgehenden Sonne also in doppeltem Sinne not.
"Mythos der Desindustrialisierung"
Doch gleich von einer "Desindustrialisierung" Japans zu reden, ist übertrieben. Am 27. Juli 2012 ist in 'NZZ' ein Bericht erschienen, der mit dem "Mythos der Deindustrialisierung" der Schweiz aufräumt. Demnach lag die Schweiz bei der Industrieproduktion pro Kopf mit 12'400 Dollar immer noch "meilenweit vor dem zweitplacierten Japan" mit 8'600 Dollar pro Kopf. Das zeigt aber auch, welchen hohen Stellenwert Japans Industrie immer noch hat.
Viel mehr unter Desindustrialisierung litten gemäss Zahlen von Avenir Suisse zwischen 1979 und 2009 gemessen an der Wertschöpfung Grossbritannien mit einem Rückgang um 19 Prozentpunkte, gefolgt von Frankreich, Italien und Deutschland mit 12 bis 13 Prozentpunkte, während Japan, die USA und Niederlande hoch einstellige Abschläge von 8 bis 9 Prozentpunkte zu verzeichnen hatten. In der Schweiz ist der Anteil der Industrieproduktion an der Wertschöpfung in den 30 Jahren dagegen nur um 2 Prozentpunkte gesunken. Dabei waren Japan und die Schweiz in den 1970er Jahren noch die Länder mit dem grössten prozentualen Rückgang des Industrieanteils am Bruttosozialprodukt.
Morgendämmerung in Japan
Fukushima dürfte den Anteil der Industrieproduktion an der Gesamtwertschöpfung Japans weiter nach unten gezogen haben, aber so stark nun wieder auch nicht, da Japans Wirtschaft in Folge der dreifachen Katastrophe "nur" um 0,9 Prozent eingebrochen ist. Wiederaufbauarbeiten haben vieles aufgefangen und wirken auch nach. So soll die Wirtschaft des Landes wieder auf Wachstum gepolt sein. Hoffen lassen auch andere Indizien. So kamen von den Automobilbauern Toyota und Suzuki vor kurzem Signale, dass sie wieder über den Berg sind und in die Gewinnzone fahren, Letzterer auch und gerade wegen erhöhter Inlandsnachfrage.
Die Arbeitslosenrate ist heute mit 4,5 Prozent niedriger als 2009. Hitachi kann trotz Atomstopps im eigenen Land wieder "kaum laufen vor Kraft". Der Erbauer des im März 2011 fast völlig zerstörten Block 4 des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi hält am Atomprogramm weiter fest, ebenso am operativen Gewinnziel von umgerechnet rund 5 Milliarden Euro im laufenden Geschäftsjahr nach 4,24 Milliarden Euro und einen Jahresumsatz von 9,665 Billionen Yen oder 99,42 Milliarden Euro im vorangegangenen Fiskaljahr. Dabei hatte Hitachi drei Jahre zuvor noch einen Rekord-Nettoverlust in Höhe von 5,9 Milliarden Euro ausgewiesen und Entlassungen angekündigt. In Folge hat der Mischkonzernriese das wenig einträgliche bis verlustreiche Geschäft mit Unterhaltungselektronik zusammengestrichen und sich unter anderem vom Projektorenmarkt verabschiedet.
Die Festellung, Japans Hightech-Industrie befinde sich in einer Krise, ist sicher nicht falsch. Abschreiben darf man die japanischen Hersteller von IT und Unterhaltungselektronik allerdings nicht. (Klaus Hauptfleisch)
Fotos: Mt. Fuji from Yokohimo. Fot by skyseeker.
Foto Frontseite: Walkman von FaceMePLS.

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