Mysteriöse Bewertungen bei Kununu

17. August 2015, 14:33
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Haufenweise Top-Bewertungen oder eine eine einzige katastrophale: Bewertungsplattformen sind nicht immer fair.

Haufenweise Top-Bewertungen oder eine eine einzige katastrophale: Bewertungsplattformen wirken nicht immer fair.
Auf Bewertungsportalen für Arbeitgeber können Nutzer Noten verteilen. Plattformen dieser Art boomen, die grösste in der westlichen Hemisphäre heisst Glassdoor. In der Schweiz ist es das österreichische Portal Kununu. Mit 90'000 Bewertungen für 20'000 Schweizer Firmen ist die Xing-Tochter mit Abstand lokaler Marktführer. Das bringt nicht nur Vorteile.
Dank solchen Plattformen kann sich der Arbeitssuchende vor der Bewerbung ein passendes Umfeld suchen und weiss beim Bewerbungsgespräch Bescheid über die Anstellungsmodalitäten oder sogar die Höhe der gezahlten Saläre. Das Machtgefüge verschiebt sich so vom Unternehmen hin zum qualifizierten Arbeitssuchenden, der dank solcher Plattformen weiss, was er von dem Unternehmen erwarten darf. Das Unternehmen selbst hat ein Interesse daran, auf solchen Plattformen gut dazustehen, was unter Umständen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen führen kann. Für einige Schweizer Firmen ist das allerdings gar nicht notwendig - ihre Rating verbessert sich nämlich von selbst. Wegen unerklärlichen Bewertungen, in denen sie regelmässig über den Klee gelobt werden.
Bewertungssieger beschweren sich über "gefälschte" Bewertungen
Kununu publiziert regelmässig alle möglichen Studien und Rankings rund um Arbeitgeber und -nehmer. Eines dieser Rankings lobt die zehn "Top Arbeitgeber" in Zürich aus. Die beiden Spitzenplätze haben seit 2013 Webrepublic und Netcetera inne.
Zufrieden ist man bei Webrepublic mit Kununu trotzdem nicht. Rund die Hälfte der erhaltenen Reviews zwischen Sommer 2014 und März 2015 bezeichnet Webrepublic als Fälschung . Dabei sind es keine negativen Bewertungen, die Webrepublic als unerwünscht bezeichnet. Die bemängelten Kommentare sind durchwegs positiv. Aufgefallen sind die offenbar erfundenen Referenzen, weil allesamt aus dem IT-Team kommen sollen. Dieses zählt in der Internet-Agentur aber nur sieben Mitarbeiter. Ausserdem sei der Schreibstil immer derselbe: "Man fühlt sich hier wie am Ruder eines Bootes: Man beeinflusst direkt, wohin es sich bewegt". Dass die Firma auch noch falsch geschrieben wurde, tat sein Übriges: Webrepublic hat sich nach eigener Darstellung deshalb mehrmals bei Kununu gemeldet. Eine Löschung der betreffenden Kommentare sei dabei nicht immer erreicht worden und wenn, dann mit "beträchtlicher Verspätung".
Ähnliche Beobachtungen hat Netcetera gemacht. Der Software-Anbieter ist bei Kununu Zürichs zweitbester Arbeitgeber. Eine Sprecherin von Netcetera schreibt an inside-it.ch: "Ende 2014 erhielten wir plötzlich viele sehr positive Bewertungen. Dabei machte uns der verwendete Fachjargon stutzig". Dieser sei ein ganz anderer gewesen als derjenige der Firma. Kununu habe schnell reagiert und die fragwürdigen Bewertungen gelöscht. Damit sei das Thema für Netcetera erledigt, schreibt Geschäftsführer Andrej Vckovski an inside-it.ch.
Aus dem Unternehmen gibt es allerdings auch eine Stimme, die sagt, dass es keineswegs so einfach gewesen sei: "Im Dezember 2014 antwortete uns Kununu, dass alles rechtens sei und die Plattform keine Fälschungen ausgemacht habe". Erst nach erneutem Nachhaken seien einige Kommentare im März schliesslich entfernt worden. Allerdings muss man nur bis zum November zurückgehen, um weiterhin auf wahrscheinliche Fälschungen zu stossen: "net cetera" erhält da in einer ausufernden Bewertung die Maximalpunktzahl.
Ehrlichkeit gibt es nur bei Eigeninitiative
Webrepublic hat sich nach einer Lösung umgeschaut. Dabei ist der Webagentur aufgefallen, dass booking.com nur Bewertungen von verifizierten Hotelgästen zulässt. Darauf aufbauend hat Webrepublic Rubbelkarten mit kurzen Codes herstellen lassen, die das Unternehmen an Mitarbeitende und Bewerber verteilt. Wer auf Kununu eine Bewertung hinterlässt, kann den Code anmerken, wodurch Webrepublic und Nutzer wissen, dass es sich um eine echte Referenz handelt.
Die Idee scheint aufzugehen: In den letzten drei Monaten war jede Bewertung von Webrepublic mit Code markiert – bis auf eine: "Die Türe des Management Teams steht immer und jederzeit offen!", fünf von fünf möglichen Punkten. Was steckt da dahinter? Kununu war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. In einem "FAQ". Woher die positiven Kommentare für Netcetera und Webrepublic stammen, bleibt vorerst ein Geheimnis.
Mies wird es am anderen Ende der Skala
Der Kampf gegen zu gute Bewertungen ist ein Luxus. Wesentlich mieser geht es den Unternehmen am anderen Ende der Skala. So steht ein Zürcher Versicherer mit einer einzigen Bewertung auf Kununu: Die Geschäftsführung sei "unfähig, desinteressiert, planlos, ohne Sozialkompetenz, versnobbt und nur am eigenen Salär interessiert". 1,26 von fünf möglichen Punkten.
Ein weiteres Problem des Portals: Wer bewertet, kann auch in einer Liste angeben, was die Firma zu bieten hat: Parkplatz, Kantine, Betriebsarzt, Coaching, flexible Arbeitszeiten vielleicht? Ignorieren die Bewertenden diese Möglichkeit, behauptet das Portal einfach, dass das Unternehmen diese Punkte nicht anbieten würde: "Kein Parkplatz", "keine gute Verkehrsanbindung", "keine Internetnutzung", steht dann unter dem Firmenbeschrieb. Wer das eigenhändig korrigieren will, muss zur Kreditkarte greifen. Ab 400 Franken im Monat bekommen Unternehmen die Möglichkeit, bei Kununu Einfluss zu nehmen.
Erinnerungen an umstrittenen US-Riesen Yelp
Das Geschäft mit den Bewertungssternchen läuft nicht nur für Kununu gut. Auf dem bereits einige Milliarden Dollar schweren Portal Yelp bewerten Kunden Restaurants und Läden. Nutzer der App können sich passende Geschäfte in ihrer Nähe anzeigen lassen, gefiltert nach Preisklasse, Art des Geschäfts, bis hin zur gewünschten Küche in Restaurants. Geschäftsinhaber beschuldigen Yelp, telefonisch das "Optimieren" der Bewertung gegen den Kauf von Werbeplatz anzubieten. Wer das Angebot ablehnt, erhalte daraufhin auffällig viele negative Bewertungen. Mehrere Gerichtsprozesse, die kleine Läden gegen Yelp angestrengt haben, sind bis jetzt allerdings ausnahmslos zu Gunsten der Bewertungsplattform ausgegangen. Die Dokumentarfilmerin Kaylie Milliken will mit ihrem über Kickstarter finanzierten Film "Billion Dollar Bully" einen näheren Blick auf die Geschäftspraktiken von Yelp werfen. (Michael Küng)

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