Nein - "das WWW" hat heute nicht Geburtstag

30. April 2008, 09:39
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Man soll die Feste feiern, wie sie fallen - oder so.

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen - oder so.
Der deutsche IT-Verband Bitkom behauptet es, die Presseagenturen berichten es und die Online-Ausgaben von vielen deutschen Medien plappern es nach: "Das World Wide Web wird heute 15 Jahre alt". Es sei "am 30. April 1993 freigeschaltet" worden, berichtet beispielsweise die "Welt Online".
Doch hat das Netz der Netze, das WWW, die ökonomisch, politisch und gesellschaftlich vielleicht folgenreichste technologische Entwicklung seit der Erfindung der Eisenbahn, einen Geburtstag? Und wenn ja: Ist das heute?
1962? März 1989? Herbst 1990? März 1993? 30. April 1993? - das WWW hat viele "Geburtstage"
Das riesige, täglich weiter wuchernde und komplexer werdende System "world wide web" hat viele "Geburtstage". Da wären einmal die ersten Anfänge zum Bau des Internet, in dem das WWW "wohnt", 1962 zu nennen. Mit dem Projekt "Arpanet" wollte man US-Universitäten, die für das Militär forschten, miteinander verbinden. Physische Basis waren Telefonleitungen, die Struktur des Netzes sollte dezentral sein, um Ausfälle besser verkraften zu können und die Daten sollten als kleine, adressierte Pakete verschickt werden. Aber erst 1965 begann man mit der Realisierung des Arpanets, 1969 waren vier Universitäten damit vernetzt. Doch erst 1983 wurde das grundlegende Protokoll TCP/IP eingeführt und ein Jahr später das "Domain Name System" entwickelt.
1987 waren dann gemäss Wikipedia 27'000 verschiedene Rechner über das Internet, wo man Dienste wie FTP, Telnet oder E-Mail nutzte, verbunden. Im März 1989 beschrieb der britische CERN-Mitarbeiter Tim Berners-Lee in seinem Papier "Information Management: A Proposal" wie man die grossen Mengen von wissenschaftlichen Informationen am CERN besser nutzen könnte, indem man sie durch "Hyperlinks" verknüpfen würde. Er legte damit die theoretischen Grundlagen für das World Wide Web. Doch auch der Autor der wahrhaftig bahnbrechenden Arbeit ist nicht unfehlbar. Der drittletzte Satz in seinem Papier lautet: "I imagine that two people for 6 to 12 months would be sufficient for this phase of the project." Sein Chef, Mike Sendall, kritzelte den Kommentar "vague, but exiting" auf die Arbeit.
Im Mai 1990, also vor 18 Jahren, entwickelte Berners-Lee dann den ersten Browser (etwa "Schmökerer", zool. "Äser"), der zugleich auch für die Eingabe von Text auf eine Webseite diente. Er nannte sein Programm "WorldWideWeb". Schon 1990 gab es einen Webserver im Cern (Info.cern.ch) und eine Webseite (http://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html). Im Frühling 1991 arbeitete man im Cern an einem Browser, der Textzeilen darstellen konnte, und im Laufe des Jahres entwickelten andere Institutionen ihre ersten Web-Seiten. 1992 gab es schon 26 (!) Webserver weltweit und im Februar 1993 veröffentlichte das Zentrum für Supercomputer die erste Version des Browsers Mosaic, der auf PCs und Apple-Computern lief. Damit waren die 200 (per Oktober 93) Webserver samt ihren Inhalten nun auch von Nicht-Unix-Maschinen her aufrufbar.
Was aber ist am 30. April 1993 passiert? Das CERN erlaubte Tim Berners-Lee und dem "ersten Surfer der Welt", seinem Kollegen Robert Cailliau, den Code für den Webserver 'libwww' und gewisse Programmier-Schnittstellen völlig ohne Auflagen zu veröffentlichen. Wir feiern also nicht den 15. Geburtstag des WWW - immerhin aber den 15. Jahrestag einer der vielen Entwicklungsschritte, welche die ungeheueren Umwälzungen in der Art und Weise wie wir lernen, uns unterhalten und wirtschaften erst möglich machten.
Einen schönen Rückblick auf die Geschichte des Webs und vor allem der Webbrowser, die für uns einfache Surfer ja das Gefährt sind, mit dem wir im unendlichen Meer des WWW navigieren, findet sich auf Déja Vu. (Christoph Hugenschmidt)

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