Netstream baut doch eigenes Rechenzentrum

2. Februar 2011, 05:15
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    "Kein Anbieter konnte eine Lösung anbieten, die wirtschaftlich sinnvoller gewesen wäre als der Bau eines eigenen Datacenters", sagt Netstream-Chef Alexis Caceda.

    "Kein Anbieter konnte eine Lösung anbieten, die wirtschaftlich sinnvoller gewesen wäre als der Bau eines eigenen Datacenters", sagt Netstream-Chef Alexis Caceda.
    Grosse RZ-Provider (Rechenzentrum) versprechen viel und liefern (zu) wenig, meint Alexis Caceda, CEO von Netstream. Die Dübendorfer sahen sich aus diesem Grund gezwungen, ein eigenes RZ zu bauen. Alexis Caceda erklärt im Gespräch mit inside-channels.ch, warum die Millionen-Investition für ein eigenes RZ aus seiner Sicht unumgänglich geworden ist.
    inside-channels.ch: Warum haben Sie nicht auf bestehende oder neue Kapazitäten Ihrer bisherigen Partner Equinix und Interxion gesetzt?
    Alexis Caceda: Unsere bestehenden Partner konnten uns leider keine attraktiven Alternativen anbieten. Auch viele neue Datacenter-Anbieter waren sehr daran interessiert, uns als Kunden zu gewinnen. Allerdings konnte uns kein Anbieter eine Lösung anbieten, die wirtschaftlich sinnvoller gewesen wäre, als der Bau eines eigenen Datacenters. Nach unserer öffentlichen Forderung nach mehr Rechenzentrumskapazitäten haben uns sehr viele Anbieter kontaktiert, von denen einige ihre Versprechungen in technischen oder finanziellen Belangen am Ende nicht halten konnten.
    Was glauben Sie denn nun besser machen zu können, als die potentiellen Partner?
    Zunächst einmal sind wir über total 1.2 MVA angebunden. Das bringt uns unsere gewünschte HD-Dichte (High-Density) von im Durchschnitt 14kVA pro Rack. Ausserdem ist bei uns ein PUE-Wert* projektiert, der bei 1.23 liegt, und damit tiefer als der von Green, Interxion und anderen ist. Wir hätten bei unseren bisherigen oder bei anderen Anbietern leicht 6 kVA pro Rack bekommen können. Aber die hätten uns sicher nicht gereicht. Alle Tier 3 Datacenter konnten unsere Anforderungen zwar erfüllen, leider waren sie aber alle zu teuer. Bei den Tier 2 stimmte der Preis, doch die von uns benötigte Kapazität konnte nicht zur Verfügung gestellt werden.
    (Anmerkung der Redaktion: * Der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) gibt das Verhältnis des Gesamtstromverbrauchs des RZs zum Stromverbrauch der IT-Geräte wieder und liegt heute im Schnitt noch bei 1,7. Derzeit wird selbst bei Neubauten noch selten ein PUE-Wert von 1.23 projektiert.)
    Welche Partner haben Sie für die Stromversorgung?
    Glattwerk stellt die Stromversorgung sicher. Andere Partnern für das Projekt waren Scansource als Generalunternehmer, APC für die Notstromversorgung und BM Green Cooling für die Klimatisierung. Wir haben damit auch für die Zukunft das beste Verhältnis zwischen Sicherheit, Ökologie und Ökonomie erreicht.
    Warum bauen Sie nur im Tier 2 genannten Standard?
    Zunächst muss klar sein, dass der Bau eines Datacenters nicht zu unserem Kerngeschäft gehört. Aber wenn uns der Markt keine Alternativen bieten kann, sind wir gezwungen eines zu bauen. Und wir glauben an die Zukunft von Multi-Standort-Tier-2-HD-Datacentern. Unser RZ unterscheidet sich nur in der nicht redundanten Stromzuleitung vom Glattwerk von einem Tier-3-Datacenter. Es fehlt uns allein in diesem Punkt, der Versorgung durch ein zweites EW-Unterwerk, die Redundanz. Ansonsten erfüllen wir sämtliche Sicherheitsstandards für Tier 3. Unsere Kunden erwarten und bekommen: doppelte Klimaanlagen, Branderkennungsanlagen, Sicherheitskameras, Bewegungssensoren, 24-Stunden-Bewachung durch ein externes Unternehmen, rund um die Uhr Überwachung aller Aktivitäten sowie eine Notstromversorgung. Allerdings sind wir auch in Sachen Stromversorgung im Gespräch mit dem EKZ (Elektrizitätswerke des Kantons Zürich) und werden möglicherweise eine zweite Zuleitung noch initiieren. Wir verfolgen eben eine Multi-Standort-Strategie mit mehreren Tier-2-HD-Datacenter. Dies bringt uns mehr Sicherheit als alles auf ein Tier-3-Datacenter zu setzen.
    Wo wird Ihr neues Rechenzentrum stehen?
    Wir haben in unmittelbarer Nähe zum unseren Firmensitz in Dübendorf ein grosses Kellergeschoss zu einem Rechenzentrum umgebaut. Die externe Infrastruktur war also weitgehend vorhanden und musste nur in das bestehende Gebäude gebracht werden.
    Wann soll es in Betrieb gehen?
    Wir werden im April die Umbauten abgeschlossen haben und den Betrieb aufnehmen können.
    Wie hoch sind die Investitionen für dieses Projekt?
    Alexis Caceda: Das Gesamtprojekt kostet uns rund 1.5 Millionen Franken.
    Wie gross wird die Nutzfläche für die IT sein?
    Wir werden über 480 Quadratmeter verfügen und damit unsere Kapazität gegenüber heute vervierfachen. Das erlaubt uns auch grosse anstehende Projekte zu realisieren.
    (Anmerkung: Bekanntlich liefert Netstream heute bereits ein Internet-TV-Angebot mit Nello.tv zusammen mit Netstream auf dem Netzwerk von ewz.zürinet realisiert wird.)
    Werden Sie das RZ allein betreiben?
    Wir werden das RZ mit unserem eigenen Personal betreiben. Bis spätestens Mitte Jahr wird sich unser Personalbestand um acht auf dann 50 Mitarbeiter vergrössert haben. Maximal zwei Mitarbeiter sind nur für das RZ zuständig.
    Wird Netstream sein Angebot mit dem neuen RZ ausbauen?
    Wir konzentrieren uns weiterhin auf die Erbringung innovativer Produkte, deren zugrundeliegende Server in unserem neuen Datacenter betrieben werden. Sowohl die Skalierung wie auch der Betrieb sind auf die Bedürfnisse von Netstream ausgelegt. Es liegt nicht in unserem Fokus, Datacenter-Dienstleistungen für Dritte zu erbringen.
    Hätte der Totalausfall bei Netstream im letzten November mit dem neuen RZ vermieden werden können?
    Nein, auch wenn wir unser RZ auf dem Tier-4-Level gefahren hätten, wäre der Ausfall unvermeidlich gewesen, weil es sich um Hardware-Probleme mit Geräten von Dell gehandelt hat. Gegen einen solchen Totalausfall haben wir bereits diverse Massnahmen realisiert, um uns von der Abhängigkeit von der Hardware - sofern möglich - zu lösen. Auch unser Callcenter ist neu komplett redundant über verschiedene Netzwerke erreichbar (Interview: Volker Richert)

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