Noch ein Skand(älchen) - Wikipedia ändert Regeln

5. Dezember 2005, 07:38
    image

    Anonyme Autoren dürfen keine Artikel mehr schreiben.

    Anonyme Autoren dürfen keine Artikel mehr schreiben.
    Letzte Woche gab es einigen Trubel um die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, kam zwei Tage später ein weiterer dubioser Eintrag ans licht, der Angesichts der Prominenz der beteiligten Personen viele Aufsehen erregte.
    Der Wikipedia-Gründer James Wales behauptete in einem Interview vor einigen Monaten, dass Fehler auf Wikipedia im Normalfall "innert Minuten" von den Tausenden von Freiwilligen, welche Änderungen überwachen korrigiert würden. Die Beitragsflut nimmt aber zu – allein auf englisch kommen momentan etwa 1500 Artikel täglich neu hinzu – und in einem Gespräch mit 'News.com' erklärte Wales nun immerhin, dass Wikipedia gewisse "Wachstumsprobeme" habe. Den Rufmord-Fall wiegelte er trotzdem ab. Dabei habe es sich um einen "absoluten Sonderfall" gehandelt, der durch das Kontrollnetz geschlüpft sei, da der betreffende Artikel von einem anonymen Autor geschrieben und nicht mit anderen Wikipedia-Artikeln verlinkt worden sei. Darum habe auch kaum jemand den Artikel gesehen.
    Trotzdem ändert Wikipedia, wie Wales 'News.com' sagte, die Regeln. Anonyme Autoren sollen ab heute keine neuen Artikel mehr schreiben können. Weiterhin zugelassen wird aber, dass anonyme Autoren bestehende Artikel ändern können. (Auf Wikipedia fanden wir heute allerdings noch keinen Hinweis auf diese Änderungen.)
    Genau darum geht es aber im zweiten Fall von letzter Woche. Der frühere MTV-Präsentator und anerkannte Pionier auf dem Podcasting-Gebiet hatte in einem Wikipedia-Artikel zum Thema Absätze über die Beiträge anderer Personen zur Podcasting-Idee schlicht und einfach gelöscht. Als Urheber der Änderung war Curry nur gefunden worden, weil seine IP-Adresse registriert worden war.
    Curry gab sein Vorgehen zu, verteidigte sich aber gegen Vorwürfe deswegen. Einen Hinweis auf technologischen Durchbruch eines Technorati-Ingenieurs namens Kevin Marks habe er zum Beispiel gelöscht, weil er nie eine darauf basierende konkrete Lösung gesehen habe. Das habe sich aber inzwischen geändert, und er entschluldige sich für seinen Fehler (Den er aber nicht selbst rückgängig machte).
    Im Prinzip aber so Curry, habe er nichts falsch gemacht: "Das bedeutet nicht, dass ich keine Meinung über die Fakten haben und Wikipedia so ändern darf, dass mein Standpunkt repräsentiert wird."
    Kommentar
    ~~Mit dem Stichwort "Meinung über die Fakten" spricht Curry allerdings eines der grossen Probleme von Wikipedia – und wohl aller Enzyklopädien – an. Von einer Enzyklopädie erwartet ein User im allgemeinen Tatsachen, und nicht Meinungen. In der Realität gibt es aber diese saubere Trennung tatsächlich oft nicht – eine Meinung von gestern kann heute ein Fakt werden und übermorgen eine Anekdote. Zum Beispiel "wusste" man ja im vorletzten Jahrhundert noch, dass Frauen und andersfarbige Menschen überhaupt weniger intelligent seien als weisse Männer – und schrieb dies auch in respektablen, "wissenschaftlich überwachten" Enzyklopädien.
    Auch heute "weiss" man mit Bestimmheit Dinge, die wir in zehn oder hundert Jahren als Unsinn abtun werden. Aber wer bestimmt, was wann (und wo?) die richtige "Meinung über Fakten" ist? Dürften, um ein krasses Beispiel zu nennen, Kreationisten einen Wikipedia-Beitrag über die Evolution ändern, weil sie ihn faktisch falsch finden? In den USA müssen ja Lehrer die Evolutionsgeschichte heute mancherorten als "Meinung" präsentieren...
    Bei einer klassischen Enzyklopädie bestimmte letzendlich in Zweifelsfällen ein einzelner Verantwortlicher, was "Fakt" war. Weiss es die Wikipedia Community nun besser oder schlechter als eine Einzelperson?
    Wikipedia als digitales Online-Medium würde allerdings im Prinzip die einzigartige Möglichkeit bieten, solche Änderungen zu verfolgen. Gerade darum wäre es aber wünschenswert, wenn auch der Zeitpunkt und der Autor einer Änderung ausgewiesen würde.~~ (Hans Jörg Maron)

    Loading

    Mehr zum Thema

    image

    Die IT-Woche: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

    Horror, uff, nunja, okay, super… die Tags zu den Cybersecurity-Storys dieser Woche.

    publiziert am 27.1.2023
    image

    Talkeasy Schweiz wird liquidiert

    Am 14. Dezember 2022 wurde Talkeasy aufgelöst. Der Schweizer Telco war für seine aggressive Kundenbindung bekannt.

    publiziert am 27.1.2023
    image

    Frauenanteil in den ICT-Berufen seit 30 Jahren fast gleich niedrig

    Wir haben die Zahlen des Bundesamts für Statistik zu den ICT-Jobs seit 1990 analysiert. Die krasse Männerdominanz hat sich kaum verändert.

    publiziert am 27.1.2023
    image

    Cyberkriminelle erbeuten Kundendaten der Online-Apotheke DocMorris

    Bei dem Cyberangriff haben unbekannte Täter 20'000 Kundenkonten kompromittiert. Die Online-Apotheke gehört zur Schweizer "Zur Rose"-Gruppe.

    publiziert am 27.1.2023