Öffentliche Verwaltung auf dem Weg in die Cloud

14. September 2011, 12:09
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"Pragmatisch und unaufgeregt." So beschreibt Gastautor Grégoire Hernan von der SIK die Strategie der Schweizer Verwaltungen in Sachen Cloud Computing.

"Pragmatisch und unaufgeregt." So beschreibt Gastautor Grégoire Hernan von der SIK die Strategie der Schweizer Verwaltungen in Sachen Cloud Computing.
Die Schweizerische Informatikkonferenz SIK beschäftigte sich an der diesjährigen 5. Büroautomatisationskonferenz mit dem Thema "Chancen und Risiken des Cloud Computings für die Informatik der öffentlichen Verwaltung". Die Diskussion an der Konferenz hat gezeigt, dass der Paradigmenwechsel bei den behördlichen Informatikabteilungen als solcher erkannt worden ist. So erarbeitet das Informatikstrategieorgan des Bundes (ISB) derzeit eine Cloud-Computing-Strategie, die im Frühling 2012 verabschiedet werden soll.
Der Schweizer Cloud-Computing-"Evangelist" und Verleger Andreas Von Gunten eröffnete die Konferenz mit einem flammenden Plädoyer für den Einsatz von Cloud-Computing-Lösungen auch in der Verwaltung. Er zeigte in seinem Vortrag auf, dass Cloud Computing für viele Unternehmen in der Privatwirtschaft längst Realität ist, man aber genau definieren muss, wovon man spricht. So ist der Aufbau einer "Private Cloud" nicht mit "Cloud Computing" gleichzusetzen, sondern bedeutet einfach besseres Management von Rechenzentren. Die Vorteile des "Cloud Computings" (gemeinsame Nutzung von dynamisch zugeteilten Ressourcen) machen sich erst bei der Nutzung von "Public Clouds" bemerkbar, so Von Gunten.
Auch die Frage nach den Möglichkeiten, Cloud Computing mit Open Source zu verbinden, wurde diskutiert. Von Gunten wies in diesem Zusammenhang auf die verschiedenen Open-Source-Initiativen für den Aufbau eigener Cloud-Infrastrukturen hin und betonte, dass es auch beim Geschäftsmodell "Plattform as a Service" (Infrastruktur + Betriebssystem + Middleware) möglich ist, eigenen Code unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen.
Bund erarbeitet Cloud-Strategie
Willy Müller vom ISB legte den Weg zu einer Cloud-Strategie der Schweizer Behröden dar. Im Rahmen der E-Government-Strategie der Schweiz wurde bereits im Oktober letzten Jahres eine Vorstudie zu Cloud-Computing in Schweizer Behörden erarbeitet. Müller wies auf ähnliche Vorteile des Cloud-Computings wie Von Gunten hin, so tiefere Kosten und die höhere Flexibilität.
Der Einsatz von Cloud Computing birgt, so Müller, wie jeder andere Technologieeinsatz Risiken, die gemanaged werden müssen. Darum soll in der Cloud-Computing-Strategie der Schweizer Behörden eine Klassifizierung der Anwendungsbereiche aufgezeigt werden, in welchen Fällen Cloud-Computing problemlos, in welchen mit Vorbehalten, und in welchen auf keinen Fall eingesetzt werden kann. Ferner empfehlen Cloud-Strategen den Bau von eigenen Cloud-Angeboten durch Behörden, so genannten "Community Clouds", mit denen gemeinsam Kosteneinsparungen erreicht werden können. Müller sprach sich klar dagegen aus, dass Informatikabteilungen eigene Private-Cloud-Infrastrukturen aufbauen
Die behördliche Cloud-Computing-Strategie soll im Frühling 2012 vom Steuerausschuss E-Government Schweiz verabschiedet und ab Juni 2012 umgesetzt werden. Für die Begleitung der Umsetzung ist ein Cloud-Computing-Competence-Center Schweiz mit Vertretern aus Universitäten, Fachhochschulen, Anbietern und Behörden vorgesehen.
Weniger rechtliche Hürden als erwartet
Das Thema Cloud Computing kann nicht umfassend diskutiert werden, ohne speziell auf die rechtlichen Aspekte einzugehen. Dr. Ursula Widmer, Rechtsanwältin und Lehrbeauftragte für Informatik-Recht an der Uni Bern und Recht der Informationssicherheit an der ETHZ, ging ausführlich auf rechtliche Fragestellungen ein. Zur Überraschung vieler machte sie darauf aufmerksam, dass es zwar Anwendungen gibt, die auf keinen Fall in einer Cloud-Infrastruktur betrieben werden können, dass es aber gleichzeitig in vielen Bereichen auch für die Behörden keine rechtlichen Hürden gibt, Cloud-Computing zu nutzen oder dass allfällige rechtliche Hürden relativ einfach überwunden werden können.
Cloud Computing ist keine neue Technologie, sondern eine neue Art, diese bereitzustellen und zu nutzen. In vielen Fällen sind dieselben Regeln zu beachten wie bei Outsourcing und beim Datenexport. So sei, wie bei jeder Auswahl eines Lieferanten, mit der nötigen Sorgfalt zu prüfen, was vertraglich vereinbart werden soll und wer genau die Vertragspartner sind. Widmer wies zudem darauf hin, dass künftig immer mehr internationale Cloud-Computing-Anbieter einen Gerichtsstand in der Schweiz haben werden. Auch das Datenschutzgesetz sei in vielen Fällen kein Hinderungsgrund, auch internationale Cloud Angebote zu nutzen, so die Spezialistin.
Konkrete Beispiele swisstopo
Hanspeter Christ von swisstopo zeigte, wie er und sein Team vorgegangen sind, um die Geodaten-Infrastruktur des Bundes in der Public Cloud, nämlich in Amazons Elastic Compute Cloud (EC2), zu betreiben. Weiterhin wurde anhand der "Private Cloud" der Stadt Zürich und des Taxme-Portals des Kantons Bern gezeigt, dass Cloud Computing auch bei Behörden da und dort schon Realität ist.
Die Informatik der schweizerischen Behörden macht sich auf den Weg in die Cloud, pragmatisch und unaufgeregt, Schritt für Schritt. So könnte das Fazit der diesjährigen 5. Büroautomatisationskonferenz lauten. (Grégoire Hernan)
(Zum Autor: Grégoire Hernan ist ICT-Koordinator und Stellvertreter der Geschäftsleitung bei der Schweizerischen Informatikkonferenz, SIK)

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