Offshoring-Trends: In-Sourcing und "No Location"

18. September 2014 um 13:47
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Multinationale Unternehmen holen ausgelagerte Back-Office-Prozesse wieder vermehrt unters eigene Dach zurück. Und Automatisierung und künstliche Intelligenz könnten das Offshoring-Geschäftsmodell in Zukunft grundsätzlichbedrohen.

Multinationale Unternehmen holen ausgelagerte Back-Office-Prozesse wieder vermehrt unters eigene Dach zurück. Und Automatisierung und künstliche Intelligenz könnten das Offshoring-Geschäftsmodell in Zukunft grundsätzlich bedrohen.
Das Beratungsunternehmen A.T. Kearney veröffentlicht regelmässig Studien zur Attraktivität von bestimmten Ländern als Offshore-Standorte für multinationale Konzerne. In der neusten Ausgabe gehen die Autoren auch auf Trends ein, welche die Offshore-Szene in Zukunft tiefgreifend verändern könnten.
Gegenwärtig, so der Berater, gibt es bei Grossunternehmen eine Tendenz dazu, Back-Office-Prozesse, die man Mitte der 2000er-Jahre in grossem Umfang ausgelagert hatte, wieder unters eigene Dach zurückzuholen. Dabei geht es nicht um eine Abkehr von Offshoring, aber es werden wieder vermehrt eigene Unternehmen - sogenannte "Captives" - in Offshore-Ländern aufgebaut, um solche Dienstleistungen zu übernehmen. Als Beispiel nennt A.T.Kearney Konzerne wie Allstate, Citigroup und General Motors.
Während bei der Auslagerung vor zehn Jahren vor allem finanzielle Gründe eine Rolle gespielt hätten, würden nun andere Überlegungen zur Wiedereingliederung führen. Zum Beispiel würden sich Unternehmen heute genauer überlegen, welche Prozesse und Daten strategisch so wichtig sind, dass man sie lieber nicht aus der Hand geben will. Gerade in der IT, deren strategische Bedeutung in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen habe, zeige sich dies am deutlichsten.
IT wird "heimatlos"
Die Studie dreht sich zwar im Kern um die Vor- und Nachteile verschiedner Offshore-Länder, mittelfristig aber könnte der Standort, an dem ein Service erbracht wird, viel an Bedeutung verlieren, mutmasst A.T.Kearney. Unter dem Schlagwort "No Location" fasst die Studie zwei Trends zusammen, die in diese Richtung gehen.
Einerseits bieten immer mehr Offshore-Freelancer selbstständig oder über Vermittler wie oDesk weltweit ihre Dienste an. Diese reichen von der einfachen Dateneingabe über Softwareentwiclung bis zum Projektmanagement. oDesk, ein 2005 gegründeter Pionier auf diesem Gebiet, hat gegenwärtig über 5 Millionen Freelancer in seiner Datenbank. Die verbesserte Konnektivität und die Standardisierung vieler Aufgaben macht es zunehmend irrelevant, wo genau ein Freelancer arbeitet, sei es in Chicago, Dakar, Zürich, Mumbai oder irgendwo anders. Auch Grossunternehmen, so A.T.Kearney, könnten geneigt sein, für Einzelprojekte Freelancerteams zu beauftragen, mit dem Vorteil, dass so Fixkosten zwischen Projekten minimiert werden. Zudem seien Freelancer auch für kleinere Auftraggeber eine Chance, an Offshore-Ressourcen zu kommen, ohne dabei langfristige Verträge oder Mindestvolumen in Kauf nehmen zu müssen.
Maschinen statt Menschen
Ein weiterer, vorwiegend technologischer Trend könnte sogar die bisherige Geschäftsgrundlage der Offshore-Länder ins Wanken bringen, die tieferen Löhne. Denn Maschinen, beziehungsweise "Software-Roboter", könnten noch viel günstiger arbeiten, als jeder Mensch. Ermöglicht wird dies durch die immer billiger werdende IT-Infrastruktur und Verbesserungen der entsprechenden Automatisierungssoftware. Wo diese Softwareroboter dann arbeiten - am ehesten irgendwo in der Cloud - spielt wohl kaum mehr eine Rolle.
"Die Robotertechnik ist mittlerweile eine bezahlbare Alternative zu Standorten in Niedriglohnländern. Setzt sich der Trend zur "No Location"-Strategie weiter durch, schwinden die Chancen der Niedriglohnländer. Sie benötigen neue Strategien, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und weiter Teil der Wertschöpfungskette zu bleiben", so Martin Sonnenschein, Partner und Managing Director Central Europe von A.T. Kearney.
Dabei muss man gar nicht unbeding an sehr fortschrittliche lernfähige Systeme wie IBMs "Watson" denken, die in einigen Jahren Menschen bei Support- und vielen anderen Aufgaben ersetzen könnten. Schon jetzt gebe es zunehmend valable Lösungen, um einfachere Routineprozesse, die bisher von Offshore-Arbeitnehmern erledigt werden, zu automatisieren, glaubt A.T.Kearney. Früher habe man ein ganzes IT-Departement sowie einen Systemintegrator eingeschaltet, um einen spezifischen Prozess zu automatiseren. Mit neuen Automatisierungslösungen könne dies ein einzelner, gut ausgebildeter Mensch in relativ kurzer Zeit tun. Dies eröffne die Möglichkeit, auch Aufgaben zu automatisieren, die nicht sehr oft oder nur temporär anfallen.
Zwei Unternehmen, die in letzter Zeit auf dem Gebiet der Software-Roboter auf sich Aufmerksam gemacht haben, sind IPSoft und Blue Prism. IPSoft bietet mit "Eliza" eine virtuelle Service-Desk-Software an, die viele Routine-E-Mails und Telefonanrufe selbst beantworten kann. Blue Prism stellt dagegen eine Art Entwicklungsumgebung her, mit der Unternehmen selbst eine Schar von "Softwarerobotern" für ihre jeweiligen Zwecke programmieren können. (Hans Jörg Maron)

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