Online-Shop-Betrieb als Rehabilitation für Knastis

2. November 2010, 14:50
  • politik & wirtschaft
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Das indische Tihar Jail, auch Tihar Ashram genannt, gilt mit geschätzten 12'000 bis 14'000 Insassen – doppelt so vielen wie zulässig - als eine der grössten Gefängnisanlagen Asiens und der Welt.

Das indische Tihar Jail, auch Tihar Ashram genannt, gilt mit geschätzten 12'000 bis 14'000 Insassen – doppelt so vielen wie zulässig - als eine der grössten Gefängnisanlagen Asiens und der Welt. Der aus zehn Zuchthäusern bestehende Komplex westlich von Neu Delhi ist nicht nur hoffnungslos überfüllt, sondern auch dafür berüchtigt, dass dort mit vielen Mördern und Vergewaltigern besonders schwere Verbrecher einsitzen. Neben unzähligen Zwangsarbeitern gibt es auch ein paar hundert Insassen, die sich einem freiwilligen Beschäftigungsprogramm unterworfen haben.
Nachdem die Verwaltung vor anderthalb Jahren rund um die indische Hauptstadt Läden eingerichtet hat, wo die in den Gefängniswerkstätten produzierten Güter verkauft werden und nach einem Umsatz von über 110 Millionen Rupien (rund 2,4 Millionen CHF) im letzten Geschäftsjahr hat die Gefängnisverwaltung nun unter www.tihartj.nix.in einen eigenen Online-Shop eröffnet.
Dort werden zum Beispiel 13 verschiedene Kekse der eigenen Bäckerei verkauft, ebenso eine große Auswahl an hochwertigen Papierwaren unter dem vor zehn Jahren gegründeten TJ-Brand. Die Werkstätten der Gefängsnisfabrik mit 714 sorgfältig gewählten Inhaftierten stellen unter anderem Fussmatten, Hemden, schwarze Schuhe, Senföl und polierte Bänke für städtische Amtstuben her. Eine weitere Besonderheit: Auch die HTML-Codes für die Web-Site mit Links zu den eigenen Waren und Bildern inklusive Preislisten werden weitgehend von den Insassen erstellt. Noch können die Gefängnisprodukte nur telefonisch bestellt werden, aber ab Dezember soll das auch online möglich sein, die Bezahlung ebenfalls.
“Anfangs haben wir mit unseren Produkten Kunden in Delhi im Visier, aber wenn international Bestellungen kommen, werden wir gerne auch ins Ausland liefern”, sagt Rajesh Goyal, als Oberaufseher der Gefängnisfabrik der Kopf hinter der Web-Site. Diese soll dazu beitragen, den eigenen Bekanntheitsgrad zu fördern und den Absatz um 60 Prozent im laufenden Geschäftsjahr zu steigern, so Goyal.
Die TJ-Marke gibt den Gefangenen ein gewisses Selbstwertgefühl, meint Pradeep Sharma, Stellvertretender Oberaufseher der Manufaktur. „Die Leute kommen mit negativen Gefühlen ins Gefängnis, sie sind geplagt von Erinnerungen an ihr Zuhause – viele werden depressiv und suizidgefährdet, deshalb wollen wir sie beschäftigt halten und ihnen eine Arbeit auf Grundlage ihrer Fähigkeiten oder Qualifikation geben“, wird er in „The Taipei Times“ zitiert.
Die Gefängnisarbeiter bekommen einen Tageslohn von 40 bis 52 Rupien (0,88 bis rund 1,45 CHF) plus zusätzliche Anreize für Überstunden bei einer 48-Stundenwoche. Die Jobs sind stehen allerdings nicht allen Gefängnisinsassen offen, sondern nur solchen, die als weniger gefährlich oder risikobehaftet eingestuft werden.
"Fünf Prozent der Kerle, die hierher kommen, sind hoffnungslose Fälle, deswegen lassen wir sie nicht in die Nähe des Werksgeländes. Wir können ihnen auch keine Werkzeuge wie Kettensägen und Bohrer in die Hand geben”", so Sharma. 60 Prozent der Gefängnisinsassen, die in den Werkstätten arbeiten, sind ihm zufolge keine Berufsverbrecher. Entweder hätten sie aus dem Affekt heraus einen Todesfall verursacht beziehungsweise gestohlen "oder sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt der Vize-Aufseher. Außerdem seien sie alle reuig. (Klaus Hauptfleisch)

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