Open-Source-Schulprojekt in Kamerun

9. September 2009 um 12:14
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Wie es gelang, trotz grösster Hindernisse und fast unbezahlbarer Infrastruktur eine Informatikschule im Kameruner Fischerdorf Sokolo aufzubauen. Und was das alles mit Open-Source zu tun hat.

Links: Ein neues Klassenzimmer wurde mit Low-Power-PCs ausgerüstet. Rechts: Die Insel Wovia in der Nähe von Sokolo /Mokindi.
Die Schule im Fischerdorf Sokolo / Mokindi zählt heute 30 bis 35 SchülerInnen - in der Mehrheit Frauen, hat ein eigenes Haus und einen in Kamerun seltenen und äusserst teuren (wenn auch sehr langsamen) Internet-Anschluss über eine WiMAX-Funkverbindung von Orange. Mit aufgebaut wurde sie vom Zürcher Informatiker Michel Pauli, der uns die Geschichte des faszinierenden Projektes erzählte.
Erster Anlauf, erste Enttäuschung
Angefangen hat Paulis Kamerun-Projekt vor vier Jahren in einer leeren Fabrikhalle in der Zürcher Toni-Molkerei, wo ein paar Bastler alte PCs wiederherstellten. Pauli lernte das "Linux Terminal Server Project" kennen und traf während einer Vorführung einen Kameruner, der fand, die Linux-Technologie sei doch ideal, um in Kamerun die Menschen mit PCs und Internet zu versorgen.
Kurzerhand reiste Pauli im April 2006 nach Bamenda, wo zwei Schulen PC-Kurse anboten. Vier alte Server und 36 Clients hatte er per Container nachgeschickt. Bereits der Import der "wertlosen" Geräte war enorm mühsam und teuer und endete erst noch in einem Desaster, denn die beiden Schulen begannen, sich um das seltene Material zu streiten. Pauli, der den Unterricht einer Klasse übernommen hatte, zog sich zurück - der erste Anlauf war gescheitert.
Doch die Schüler seiner Klasse schlugen vor, den Unterricht im Rahmen der in Kamerun wichtigen Baptisten-Kirche fortzuführen. Wieder reisten 10 alte PCs und 2 Server nach Afrika, wieder gab es Probleme, denn der Container kam ganze sechs Monate nicht an. Zu Silvester 2006 reiste Pauli ein weiteres Mal in die Schweiz und kehrte mit ein paar Laptops für "seine" Klasse zurück.
2. Anlauf: Eine Schule entsteht
Da das Thema Geld auch mit der Schulklasse im Rahmen der Kirche ein Dauerthema war, packte Pauli zusammen mit drei SchülerInnen zu, als ihm eine Bekannte anbot, ihr Haus im Fischerdorf Mokindi in der Nähe von Limbe für eine Informatikschule günstig zu mieten.
Doch eine Schule kann nicht ohne Zustimmung der Bevölkerung und des traditionellen "Chiefs" aufgebaut werden. Man stellte das Projekt also in einer Dorfversammlung vor, wo es gelang, die Unterstützung des "Chiefs" wie auch der DorfbewohnerInnen zu gewinnen. Wichtiger Teil der Diskussion war die Festlegung eines Schulgelds, denn in Kamerun ist nichts wert, was nichts kostet.
Angefangen hat die Schule mit drei SchülerInnen der alten Klasse und fünf - in der Mehrheit Frauen - aus dem Dorf und der Unterstützung der "alten" Gruppe in Yaoundé. Diesmal gelang es auch, die nötige Hardware in nützlicher Frist zu transportieren.
Informatik, nicht PC-Bedienung
Bald war das gemietete Haus in Sokolo / Mokindi zu klein und die Schule suchte ein grösseres Gebäude. Pauli erkrankte 2008 schwer und musste sich in der Schweiz behandeln lassen. Als er im Herbst 2008 zurück nach Kamerun kommt, ist die Schule umgezogen und das Netzwerk eingerichtet - die Schule läuft auch ohne den "Experten aus Europa."
Heute lernen 30 bis 35 SchülerInnen in zwei Schichten in der Informatik-Schule in Sokolo. Selbst Junge aus der "Grossstadt" Limbe besuchen die Kurse, denn man kann mehr lernen, als in den üblichen und ausgesprochen teuren Office-Kursen. Gelehrt wird die Codierung in HTML, die Programmierung von Datenbanken und in der verbreiteten Skriptsprache PHP sowie der Bau von Netzwerken. Und natürlich die Installation von Linux-Terminalserver-Umgebungen.
Endlich Internet! - und neue Herausforderungen
Doch die Schwierigkeiten sind auch heute noch enorm. Denn in ländlichen Gebieten Kameruns ist Strom teuer und selten, Internet gibt es fast nirgends, die Festnetzstruktur ist marode und Bandbreite wesentlich teurer als im Hochpreisland Schweiz. So war es denn ein grosser Schritt, als man für die Schule ein WiMAX-Verbindung mit läppischen 128 KB/s Download und 64 KB/s Upload bei Orange einrichten liess.
Gelernt wird voneinander und in Gruppen und unter Einsatz von E-Learning, das Kursgeld ist mit 2'300 CFA (ungefähr 5.75 Franken) pro Monat tief. Zum Vergleich: 100 Franken gelten als "vernünftiger Monatslohn". Die Internetanbindung der Schule kostet hingegen 30'000 CFA monatlich.
Die Internet-Verbindung eröffnete der Schule ein neues Tor zur Welt, brachte aber auch neue Herausforderungen mit sich. Denn viele SchülerInnen beschäftigten sich begeistert mit Facebook und Kontakten zur "Welt" über Chat und vergassen dabei fast ihr Projekt. Der dringende Wunsch nach einer einer Multimedia-Einrichtung (Webcam, Audio) bestimmte alle Diskussionen, es gab Streit. Pauli: "Es war eine bittere Erfahrung. Mit dem Internet funktionierte nun zwar die Kommunikation mit der ganzen Welt aber untereinander nicht mehr."
Die Schule als Offshore-IT-Dienstleister?
Die Schule in Sokolo / Mokindi hat nun die erste Phase des Aufbaus hinter sich. Sie hat ein Stück Land geschenkt bekommen und man diskutiert heute den Bau eines grösseren Schulgebäudes. Doch auch so gehen Pauli die Ideen und Projekte nicht aus. Er denkt über den Bau von Low-Power Miniatur-PCs nach, die man mit Sonnenenergie betreiben und in Afrika assemblieren könnte, will das Linux Terminal Server Project weiter vorantreiben und macht sich Gedanken über die Finanzierung der Schule.
Könnten die SchülerInnen, die in der Mehrheit keine geregelte Arbeit haben, als Offshore-Tester, zum Beispiel für neue Webseiten, ein Einkommen für sich und die Schule erarbeiten? Da ein Monatslohn von hundert Franken bereits als "normal" gilt, könnte die Schule wohl attraktive Tagessätze anbieten...
Bitte keine alten PCs
Zum Schluss des mehrstündigen Gesprächs mit Michel Pauli, das die Grundlage zu unserem Artikel über die Informatik-Schule in Sokol / Makindi lieferte, fragten wir ihn, ob und wie unsere Leserschaft denn das Projekt allenfalls unterstützen könnte.
Die Antwort ist einfach: Der Mangel an "Material" (PCs, Server, Netzwerkkomponenten) ist heute nicht mehr das dringenste Problem. Aber wer eine gewisse Zeit als LehrerIn in der unglaublichen Landschaft von Sokolo und der davor liegenden Insel Wovia verbringen möchte, ist herzlich willkommen.
Und immer nötig ist schlicht und einfach Geld. Für Strom und Internet-Anschluss, das Gebäude und die täglichen Ausgaben. Nehmen Sie doch einfach mit Michel Pauli Kontakt auf. (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Der Autor ist seit vielen Jahren mit Michel Pauli persönlich befreundet.)
Auf Youtube findet sich ein kurzer Film, in dem Michel Pauli erklärt, warum die Schule auf Open-Source-Produkte setzt.
Fotos: Die Fotos stammen von der Webseite der Schule.

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