Open Source und Selbsthilfe in Kamerun

9. September 2009, 12:19
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Wie der Zürcher Self-Made-IT-Fachmann Michel Pauli mithilft, in Kamerun eine Computerschule aufzubauen und welche Rolle das Konzept Open Source dabei spielt.

Foto: Das Webmaster-Team der Computerschule im kamerunischen Fischerdorf Sokolo.
Hätte Michel Pauli eine Hochschulausbildung, so wäre er wohl Informatik-Ingenieur. Er hatte in seiner Jugend aber anderes zu tun als zu studieren und so ist er heute ein "Bastler". Allerdings einer, der viel bewirkt. Pauli ist seit April 2006 am Aufbau einer Non-Profit-Computerschule in Kamerun beteiligt. Die Schule im Fischerdorf Sokolo / Mokindi zählt heute 30 bis 35 SchülerInnen - in der Mehrheit Frauen, hat ein eigenes Haus und einen in Kamerun seltenen und äusserst teuren (wenn auch sehr langsamen) Internet-Anschluss über eine WiMAX-Funkverbindung von Orange.
Gelehrt wird nicht einfach die Bedienung eines PCs, sondern es geht um die Grundzüge der Informatik: Bau von Netzwerken, Codierung in HTML und PHP, der Umgang mit Datenbanken. Gelernt wird voneinander und in Gruppen und unter Einsatz von E-Learning, das Kursgeld ist mit 2'300 CFA (ungefähr 5.75 Franken) pro Monat tief. Zum Vergleich: 100 Franken gelten als "vernünftiger Monatslohn". Die Internetanbindung der Schule kostet hingegen 30'000 CFA monatlich.
Ohne Open-Source gehts nicht
Die SchülerInnen lernen in zwei Schichten in der Informatik-Schule in Sokolo / Mokindi. Selbst Junge aus der "Grossstadt" Limbe besuchen die Kurse, denn man kann mehr lernen, als in den üblichen und ausgesprochen teuren Office-Kursen. Die Schule kann gar nicht anders, als ausschliesslich auf Open-Source-Software zu bauen. Die Linux-Terminalserver-Umgebung erlaubt es, günstige bis kostenlose Clients einzusetzen und sie zentral zu verwalten. Und da Bargeld ausgesprochen knapp ist und vorwiegend für die im Verhältnis unglaublich teure Basisinfrastruktur (Strom, Wasser, Internet) eingesetzt werden muss, ist der Kauf von kommerzieller Software wie Office oder Entwicklungsumgebungen schlicht undenkbar.
Die durchgehende Verwendung von Open-Source-Produkten hat einen weiteren Vorteil: Die SchülerInnen lernen mit Grundelementen der Informatik umzugehen und bleiben von einzelnen Anbietern und ihren Technologien unabhängig.
Ideen und Projekte: 5-Watt-PC, LTSP ...
Die Schule in Sokolo / Mokindi hat nun die erste Phase des Aufbaus hinter sich. Bereits spricht man davon, auf einem Stück Land, das der Schule geschenkt wurde, ein neues, grösseres Haus zu bauen. Doch auch ohne dieses Projekt gehen dem ingenieösen Pauli die Ideen und Projekte nicht aus. So findet er es heute falsch, alte PCs und Server nach Afrika zu exportieren. Viel wichtiger wäre es, "Afrika-taugliche" PCs herzustellen, die sehr wenig Strom (fünf Watt) brauchen und robust sind. 5-Watt-12-Volt-PCs und 35-Watt-Server könnte man mit Autobatterien, die mit Sonnenenergie "betankt" werden, versorgen und erst noch in Afrika montieren. Damit wäre man dann vom unzuverlässigen, teuren und überhaupt nicht flächendeckenden Stromnetz unabhängig.
Ebenfalls geplant ist, bei der Weiterentwicklung des Linux Terminal Server Projekts mitzuarbeiten. Terminal-Server-Lösungen, bei denen alle Programme zentral auf einem Server laufen und zu den einzelnen PCs "gestreamt" werden, sind für afrikanische Verhältnisse wichtig, weil damit die Anforderungen an PCs und ihren Unterhalt gering gehalten werden können.
Schule als Offshore-Dienstleister?
Auch zur Finanzierung der Schule macht sich Pauli Gedanken, die über das kurzfristige Überleben des Projekts hinausgehen. So werden neue Webseiten in der Schweiz heute fast immer zu wenig systematisch durchgetestet. Warum sollte sich die Schule nicht als Offshore-Tester für Schweizer Firmen zur Verfügung stellen? Da die meisten der SchülerInnen sowieso keine Stelle haben und ein Monatslohn von hundert Franken bereits als "normal" gilt, könnte die Schule wohl attraktive Tagessätze anbieten...
Bitte keine alten PCs
Zum Schluss des mehrstündigen Gesprächs mit Michel Pauli, das die Grundlage zu unserem Artikel über die Informatik-Schule in Sokol / Makindi lieferte, fragten wir ihn, ob und wie unsere Leserschaft denn das Projekt allenfalls unterstützen könnte.
Die Antwort ist einfach: Der Mangel an "Material" (PCs, Server, Netzwerkkomponenten) ist heute nicht mehr das dringenste Problem. Aber wer eine gewisse Zeit als LehrerIn in der unglaublichen Landschaft von Sokolo und der davor liegenden Insel Wovia verbringen möchte, ist herzlich willkommen.
Und immer nötig ist schlicht und einfach Geld. Für Strom und Internet-Anschluss, das Gebäude und die täglichen Ausgaben. Nehmen Sie doch einfach mit Michel Pauli Kontakt auf. (Christoph Hugenschmidt)
(Interessenbindung: Der Autor ist seit vielen Jahren mit Michel Pauli persönlich befreundet.)
Lesen Sie in unserem Feature-Beitrag die ganze, interessante Geschichte, wie Michel Pauli und seine Kameruner FreundInnen ein Informatik-Schule aufbauten und welche Rückschläge und Enttäuschungen sie auf dem Weg zum funktionierenden Projekt in Sokolo / Mokindi überwanden.

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