Oracle contra SAP – ein Prozess ohne Gespür für die Realität

2. November 2010, 14:34
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Eine wenig schmeichelhafte Veranstaltung.

Eine wenig schmeichelhafte Veranstaltung.
Die Arena des Prozesses, in der sich zwei Mammuts der Branche öffentlich streiten werden, befindet sich in der kalifornischen Stadt Oakland, kaum dreissig Kilometer vom Oracle-Firmensitz in Redwood Shores entfernt. Wohl rund einen Monat lang werden SAP und Oracle ab heute ums Geld streiten. Denn die Sache selbst spielt schon längst keine Rolle mehr, sie ist nach einem dreijährigen Zerren von SAP eingestanden worden. Nun geht es noch um den schnöden Mammon und natürlich um die Möglichkeit, einem ungeliebten Konkurrenten einmal so richtig die Leviten zu lesen, sprich kräftig an seiner Reputation zu kratzen. Es ist eine Management-Fehde ohne Gespür für die damit ausgesendeten Signale.
Mit SAP steht in Kalifornien Europas grösster Softwarekonzern wegen Industriespionage vor einem amerikanischen Gericht. Die Sache ist gegenüber dem Erzrivalen Oracle eingestanden. Mitarbeiter der einstigen SAP-Tochter TomorrowNow haben mehrfach unrechtmässig Daten von der Website des Rivalen heruntergeladen, um Oracle-Software im Auftrag von Firmenkunden zu warten. Auf diese Weise versuchte SAP mit Preisdumping beim Support Oracle-Kunden für die eigene Software zu gewinnen. Die Sache ging daneben und TomorrowNow wurde liquidiert. Den entstanden Schaden beziffert – und das ist der noch offene Streitpunkt – SAP mit ungefähr 40 Millionen Dollar, hat aber inzwischen Rückstellung in Höhe von 160 Millionen Dollar getätigt. Oracle allerdings macht Einbussen in 50-facher Höhe geltend (zwei Milliarden Dollar).
Es ist eine Schmierenkomödie, bei der alle Beteiligten schon jetzt an Ansehen eingebüsst haben. Oracle-Chef Larry Ellison schont niemanden von der Konkurrenz und verdächtigt jeden irgendwie Involvierten, um ihn in den Zeugenstand zu zerren. SAP spielte jahrelang das Unschuldslamm, und gab nur zu, was nicht mehr zu leugnen war, bis zuletzt doch das Eingeständnis der Industriespionage vorlag. Das Gericht sortiert die Jury als ginge es um einen kontinentalen Krieg. Wer Deutschland nicht mag, darf nicht antreten, wer meint, es ginge nur ums Geld, ebenso wenig. Bekannt ist, dass die Anwälte beider Parteien nach stundenlanger Befragung anhand langer Fragebögen acht von 27 Kandidaten für die Jury ausgewählt haben.
Zum Prozessauftakt sass zwar nur Oracle-Co-Präsidentin Safra Catz auf der Besucherbank, doch am heutigen ersten Prozesstag wird schon SAP mit seinem Co-Chef Bill McDermott vor Ort sein. Weitere SAP-Manager werden dann im Verlaufe der Verhandlung aussagen müssen, ob auch Léo Apotheker, Ex-SAP-Chef und seit gestern CEO von HP, auftreten wird, ist noch unklar. Bereits am Donnerstag oder Freitag wird dann Ellison als Zeuge aussagen.
Statt im Vorfeld der Verhandlungen eine Einigung im Streit zu finden, liefert die Branche eine wenig schmeichelhafte Veranstaltung, die alle gängigen Ressentiments gegenüber heutigem Management-Gehabe aufs Beste bedient. (Volker Richert)

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